Johannesbernhardus’s Weblog

Jakobsweg Nummer Drei – Logroño – Nájera

Juli 14, 2008 · 1 Kommentar

Es ist Samstag, 8.30 Uhr. Die Straßen im Stadtzentrum sind noch leer. Auf der langen Ausfallstraße komme ich auch an einem noch geschlosssen Internetcafé – „Locutorio con Internet“ – mit Telefonkabinen und Internet – vorbei, die in Madrid wegen der vielen Immigranten so zahlreich sind. Deshalb hatte ich mich am Vortag gewundert, hier im Stadtzentrum keins zu finden. Aber das Zenrum ist hier wohl kein Wohnviertel für Einwanderer. 

Dann führt der Jakobsweg durch einen langezogenen Park zwischen Neubauvierteln. Vor Jahren waren hier noch Schutthalden, wie in meinem alten spanischen Führer steht.  Jetzt ist es grün, der Weg ist betoniert. Unmengen von Spaziergängern, Läufern, Radfahrern, Kinder sind hier heute unterwegs, stadtauswärts oder sie kommen schon zurück in die Stadt. Die Bewohner von Logroño scheinen Frühaufsteher zu sein.

Dann komme ich durch ein Erholungsgebiet mit Stadtwald und See. Am Ufer viele Angler. Und ich habe nicht mehr das Gefühl, zu viel schon zu kennen, wie ich am Vorabend befürchtet hatte. Im Licht des Morgens sehe ich doch das meiste anders als beim letzten Mal vor vier Jahren an einem heißen Sommerabend. Heute ist es bewölkt, ein Thermometer in der Stadt zeigte 19 Grad, ideales Wanderwetter.

Etwas später überhole ich einen sehr jungen, blonden Schweizer. Er hat gerade Abitur gemacht und ist seit zwei Monaten unterwegs. Mitte Mai ist er in Luzern in der Schweiz losgegangen. Das Wetter sei zunächst noch sehr winterlich gewesen, erzählt er mit schweizerischem Akzent. Bisher ist er auf dem ganzen Weg nur acht Wanderern  begegnet, die auch wie er in der Schweiz losgegangen sind.

Er überlegt, was er studieren will, möchte gern etwas Naturwissenschaftliches wie Physik mit Philosophie oder einer Philologie kombinieren.

Er interessiert sich sehr für Literatur, hat für sein Alter schon sehr viel gelesen, von Kafka über Thomas Bernhard bis zu Thomas Mann. Thomas Bernhard fasziniert ihn am meisten. Mit „Frost“ wusste er zunächst nichts anzufangen, aber dann hatte es ihn gepackt. Ich erzähle ihm von meiner Salzburg-Phobie, die wohl mit der Lektüre von Thomas Bernhards Jugenderinnerungen zusammenhängt.

Wir kommen durch kilometerlange Weinberge. Er findet es schade, dass wir auf dem Jakobsweg nicht an den neuen Gebäuden der großen Rioja-Weinkellereien vorbeigehen, die von internationalen Stararchitekten wie Frank Gehry gebaut worden sind. Sein Vater ist nämlich Weinjournalist.

Der Weg nach Navarrete erscheint mir heute sehr kurz. Dort angekommen, trennen sich unsere Wege. Er hält an der ersten Terrasse mit Pilgern an, ich suche einen Supermarkt, um Trockenfrüchte einzukaufen. Dann gehe ich zum Tourismusbüro und zur Kirche. Sie ist überwältigend in ihren Ausmaßen. Haben die Pilger oder der Wein diese Region schon früh so reich gemacht, um in einem kleinen Ort eine so große Kirche zu errichten?

Beim letzten Mal hatte ich hier in einem sehr schönen und für Pilger preiswerten Hotel übernachtet, aber heute will ich weiter.

Auf dem Weg zum Ortsausgang komme ich an einem jungen Wanderer mit Pferdeschwanz vorbei, der mit einer alten Frau aus dem Ort in ein Gespräch auf Spanisch vertieft ist. Im Stehen, an ihrer Haustür, so wie ich es oft mache, wenn irgendwo in einem Ort eine Bank am Weg steht, auf der ein Einheimischer sitzt, neben dem noch ein Platz frei ist.

Später wird er mich überholen und wir kommen ins Gespräch. Er ist ein spanischer Student und hat in  Granada und Albacete studiert, ist mit Anthropologie fast fertig. Außerdem hat er Arabische Philologie begonnen und schließt auch dieses Studium demnächst ab. Vorher will er aber noch für einige Zeit nach Kairo gehen.  Er spricht auch etwas Litauisch und Russisch. Er hatte ein Erasmusstipendium in Litauen, ist dann länger da geblieben, weil ihm die Mentalität gefiel, die Bereitschaft zu weniger oberflächlichen Gesprächen als sie in Spanien unter Studenten üblich seien, wie er meint.

Wir sprechen über den Nutzen von Sprachkursen im Ausland. Seine Erfahrungen bei einem Englischkurs auf Malta, bei dem die Spanier unter sich blieben und Spanisch statt Englisch sprachen. Dann unterhalten wir uns darüber, wie wenig doch noch neue Medien im Unterricht oder in den Vorlesungen und Seminaren an der Uni eingesetzt werden.

Er selbst möchte irgendwann Dozent und Professor  an der Uni werden, forschen.

Wir gehen beide schneller als die anderen Wanderer. Zum ersten Mal in diesem Jahr habe ich dank der Einlagen und der weichen Sommerstiefel ohne Gore-Tex, die ich diesmal angezogen habe, keine Beschwerden an den Füßen.

Kurz vor Nájera holen wir eine Gruppe von Spaniern ein, die er kennt. In der Gruppe ist auch ein Italiener, der kaum noch laufen kann. Mühsam setzt er Schritt für Schritt. Ich bleibe bei ihm, während die große Gruppe vorangeht. Er ist 31, sehr rund um die Hüften. Als er sich wundert, wie schnell ich im Gegensatz zu ihm gegangen bin, denke ich im Stillen: „Pesan más los kilos que los años“-“Die Kilos sind schwerer als die Jahre“- sage es aber natürlich nicht. Seine Füße sind wohl wirklich seinem gegenwärtigen Gewicht nicht gewachsen.

Er hat bisher in einer Firma gearbeitet, die Klimaanlagen für Züge herstellt, wie ich mit einiger Mühe erfahre, hat aber gekündigt oder ist entlassen worden. 

Er ist sehr wortkarg, spricht nur Italienisch, versteht aber etwas Spanisch. Jetzt will er bis Finisterre zu Fuß wandern und dann einige Monate durch Europa reisen.

Wir gehen lange Strecken fast wortlos nebeneinander her, sehr langsam, es fällt mir schwer, bei ihm zu bleiben.

Dann beginnt es leicht zu regnen, als wir schon in Nájera sind. Als er sein Regencape überzieht, nehme ich meinen Regenschirm, ich will das Cape nicht aus dem Rucksack holen. Dann verabschiede ich mich und mache mich auf die Suche nach einem Hotel, während er zur Herberge weiter geht.

Vor einem großen Hotel im Stadtzentrum rufe ich dort mit dem Handy an. 52 Euro für ein Einzelzimmer ist viel, doch jetzt beginnt es stark zu regnen und ich habe keine Lust mehr, weiter zu suchen. Doch an der Rezeption erwartet mich eine Überraschung. Die Dame ist sehr freundlich, als ich ihr sage, dass ich gerade angerufen habe, sieht micht von oben bis unten an und verkündet mir dann, dass der Tarif für Pilger…

… nur 32 Euro beträgt! Ich bin angenehm überrascht, denn das Hotel macht einen sehr guten Eindruck. Als ich einen Blick auf die Speisekarte des Restaurants werfe, die an der Rezeption ausliegt – köstliche Gerichte werden da angekündigt, aber 17 € + Mehrwertsteuer- kommt die zweite Überraschung: Für Hotelgäste gibt es ein Menü für 9€, ich soll danach im Restaurant fragen, empfiehlt mir die Rezeptionistin, ohne dass ich mich danach erkundigt hätte. Die Gerichte dieses Menüs sind weniger auserlesen, aber ich werde mittags und abends dort sehr gut essen, umgeben vom örtlichen Mittelstand. Es sind meist Stammgäste, die der Kellner namentlich kennt.

Leider gibt es zur Zeit keinen Computer mit Internet für die Gäste, mir werden an der Rezeption jedoch zwei Internetcafes empfohlen.

Zuerst schlafe ich aber Siesta, gehe dann in das Kloster. Die Restaurierung dort ist abgeschlossen, alles scheint zu glänzen und so gefällt mir sogar der Barockaltar, der beim letzten Mal noch vom Staub der Jahrhunderte bedeckt war.

Die Kirche ist direkt an den Fels gebaut. Eine Höhle im roten Stein enthält eine wunderschöne mittelalterliche Madonna. Davor stehen in einer Reihe steinerne Sarkophage von Königen und Königinnen. Mich beeindrucken aber nicht die gut erhaltenen Skulturen darauf, sondern der einzige Sarkophag, dessen Figur ganz verwittert ist. Ich denke an den Verfall, dem wir alle irgendwann ausgesetzt sein werden und erinnere mich an eine Figur des Todes in der Kathedrale von Salamanca, die ich seit Jahren immer in der Zeit um meinen Geburtstag herum besuche und die ähnliche Gefühle bei mir auslöst.

Dann gehe ich zum Internetcafe, wähle das zweite, das fast leer ist, arbeite ein wenig und schreibe meinen Blog. Ab und zu höre ich um mich herum arabische Musik von den anderen Computern. Es ist schon spät, Abendessen gibt es auch samstags im Hotel nur bis elf Uhr und ich will morgen früh raus, ich muss bald gehen.

Und nach einem leckeren Abendessen, mit etwas langsamerer Bedienung als am Mittag, weil im großen Saal des Hotels jetzt auch ein Hochzeitsgesellschaft tafelt, versuche ich einzuschlafen. Es gelingt mir aber nicht so schnell wie gewünscht, da manchmal die Stimmen der Feiernden heraufklingen.

Draußen regnet es immer noch in Strömen und ich danke meinem Glück, dass ich gerade zu Beginn dieser Sintflut das Hotel gefunden hatte.

Und was für ein Kontrast hier zur Behandlung im Restaurant in Logroño am Vortag!

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