Heute, es ist Freitag, habe ich den ersten von drei „freien“ Tagen. Das heisst, ich kann von Freitag bis Sonntag auch zeitweise im Internet arbeiten, statt an meinem Arbeitsplatz. Der dritte Jakobsweg kann weitergehen, jedenfalls an diesen Tagen. Donnerstag-Nacht bin ich um zwanzig vor zwölf von der Arbeit zu Haus angekommen. Mit dem Abendessen, oder besser gesagt, Nachtessen, wurde es zwei Uhr morgens, bevor ich eingeschlafen bin. Nicht nur das Essen war schuld, auch das Buch „The Kite Runner“, das ich zur Zeit meist nur einige Minuten lang lese. Aber gestern hat es mich länger wach gehalten. Das Kabul vor den Kriegen, vor dem Einmarsch der Russen, der Wettbewerb, bei dem Jungen Drachen fliegen lassen, die dann aufgefangen werden müssen, bevor sie zu Boden stürzen, das war zu faszinierend.
Am Freitag-Morgen bin ich dann trotzdem um halb sieben aufgewacht, aufgestanden und und dann nach Logroño aufgebrochen. Im Zug habe ich dann bemerkt, dass ich die Kamera vergessen hatte, aber es war zu spät.
Auf der Fahrt bis Burgos war ich müde, hatte kaum Lust, mit meinen Nachbarinnen zu sprechen. Nacheinander jeweils ein junges Mädchen. Beide hörten ununterbrochen Musik aus dem Ipod, die eine las auf Spanisch „Die Säulen der Erde“ von Ken Follett, die andere ein mir unbekanntes Buch. Auf meine ohne Erwartung einer ausführlichen Antwort gestellte Frage: „Gefällt dir das Buch?“ antwortete die erste nur „Ja“. Bei der zweiten machte ich erst gar keinen Versuch mehr, ein Wortz mit ihr zu wechseln.
Dann in Burgos einige hundert Meter zum Busbahnhof. Der Bus nach Logroño fährt erst in einer Stunde, ich habe noch Zeit, essen zu gehen und finde ein Lokal mit vielen älteren Männern, wohl Rentner. Ich fühle mich auch diesem Alter nahe und setze mich an einen freien Tisch. Das Essen ist deftig und preiswert. Die grünen Bohnen scheinen jedenfalls kein Tiefkühlgemüse zu sein.
Dann zum Bus. Ich habe einen Fahrplan bekommen und sehe, dass der Bus, mit dem ich am Sonntagabend den letzten Zug nach Madrid hätte erreichen können, gerade fünf Minuten vor dessen Abfahrt am Busbahnhof ankommt. Ich muss also einen früheren nehmen und schon um 12 von Santo Domingo zurück nach Burgos fahren. Nach Logroño gibt es mehr Busse, aber alle Züge von Logroño aus sind ausverkauft und ich möchte nicht die ganze Strecke mit dem Bus nach Madrid fahren.
Im Bus sind mehr Wanderer, die dem Jakobsweg entgegenfahren. Nacheinander steigen sie an den Orten unterwegs aus. Ich bedauere es in diesem Moment, im Bus durch Orte zu kommen, die ich eigentlich erst wandernd wiederendecken wollte. Schade!
Dann steige ich in Logroño aus dem Bus. Eine schwüle Hitze empfängt mich, das Thermometer zeigt 36 Grad, langsam beginnen Regentropen zu fallen, der Himmel ist schwarz. Mein Rucksack erscheint mir plötzlich viel zu schwer, ich habe das Gefühl, nicht die Kraft zu haben, heute noch nach Navarrete zu laufen wie beim letzten Mal vor vier Jahren. Damals hatte ich auch in Logroño den Weg wieder aufgenommen und war am späten Abend ganz allein unterwegs gewesen. Außerdem hatte ich Navarrete schon vom Busfenster aus gesehen und jetzt gleich dahin wieder zurück? Nein, das wollte ich mir nicht antun.
Auf dem Weg zum Stadtzentrum von Logroño komme ich an einem Hostal vorbei, zögere erst, gehe einmal rundum, um vielleicht noch ein anderes zu finden, suche dann die Telefonnummer in meinem kleinen Führer, weil ich es zunächst nicht wiederfinde. Ja, ausgerechnet ich, der ich normalerweise stolz auf meinen Orientierungssinn bin… Aber es ist einfach zu heiss und der Regen scheint auch jeden Moment stärker zu werden. Die Rezeptionistin erklärt mir telefonisch dann den Weg, bietet mir im Hostal dann auch an, mir das Zimmer zu zeigen, bevor ich einchecke. Ich fahre mit ihr hoch in den vierten Stock. Das Zimmmer liegt zu einer belebten Fussgängerstrasse, hat aber doppelte Fenster. Die Möbel sind bescheiden, aber das Badezimmer ist sehr gross. Ich nehme es. Internet gibt es kostenlos in der Regionalbibliothek, wie sie mir dann erläutert.
Ich schlafe eine Siesta, mache mich dann auf den Weg. In der Bibliothek darf ich zunächst nur zehn Minuten ins Netz. Für mehr muss ich einen Bibliotheksausweis machen, sagt mir die Aufsicht. Die Dame bei den Ausweisen macht aber dann eine Ausnahme, als sie hört, dass ich einen Blog schreiben will. Ich darf bis zur Schliessung unbegrenzt bleiben, auch ohne Ausweis. ich erledige meine Arbeit und beginne dann den Blog. Leider wird schon um neun geschlossen, wenig Zeit, aber wenigstens etwas!
Dann ein Abendessen in „Kuppa“, einem Restaurant voller Pilger. Es gibt wieder grüne Bohnen, diesmal aber nicht richtig gar, gerade aufgetaut anscheinend. Im Lokal sind nur Ausländer. Der Kellner, wohl Nordafrikaner, “irrt sich“, und nennt mir beim Bezahlen den Preis für zwei Menüs, obwohl ich allein am Tisch gesessen habe und als Extra nur ein Bier hatte. Ich wundere mich, dann korrigiert er den Preis und sagt, er habe sich geirrt. Nur gut, dass ich draußen auf die Tafel mit dem Menüpreis geschaut hatte. Den Aufpreis für das Bier reduziert er dann, weil er kein Kleingeld hat und ich auch nicht. “Frühstück haben wir ab sechs Uhr, teilt er allen Gästen mit.
Nach dem Essen gehe ich dann durch die Tapas-Zone hinter dem Hostal, zu der mir die Rezeptionistin geraten hatte. Es ist überall brechend voll, ich komme kaum durch die Leute auf der Strasse. Da habe ich wirklich einen Fehler gemacht, als nicht auf die Rezeptionistin hörte. Die ausgehängten Speisekarten hier sind wirklich verlockend und es ist kaum teurer als das Pilger-Lokal.
Am Morgen werde ich um sieben wach. Alle Cafés sind noch geschlossen, als ich auf die Strasse gehe. Ich fürchte zwar, dass das Frühstück in dem Pilgerlokal genau so „bescheiden“ sein wird wie das Abendessen, gehe aber doch dorthin.
Im Lokal sind mehr Gäste als am Vortag. An einem Tisch sitzen sitzen zwei Asiatinnen. Ein anderer Kellner- oder ist es ein Gast oder der Besitzer? singt ihnen gerade ein Lied mit vielen „ying-yang ying-yang und Aufzählungen von asiatischen Automarken, er scheint sich lustig zu machen. Die beiden Mädchen sind katholische Koreanerinnen, wie er dann aus ihnen herausfragt. Ich schäme mich für ihn, stelle mir vor, wie es wäre, wenn mir jemand in Asien so ein Lied mit entsprechenden deutschen Automarken in 50 Zentimeter Abstand von meinem Gesicht singen würde. Er ist Portoricaner, wie er sagt, spricht gleich flüssig Englisch und Spanisch, ist sehr von sich überzeugt.
Der Kellner vom Vortag ist auch wieder da. Nach dem Frühstück bestelle ich noch einen zusätzlichen Kaffee und einen Saft. Als ich bezahle will, errechnet unser Kellner einen Preis, für den ich auch in einem Viersterne-Hotel hätte frühstücken können. Als ich bemerke, das sei aber etwas teuer, sagt er sofort, „Ah ich habe mich geirrt, ich habe geglaubt, sie hätten zweimal Frühstück und außerdem die Extras gehabt.“ Dann nennt er als Preis die Hälfte vom ersten Preis, den er gesagt hatte. Wirklich viele Irrtümer…
Dann mache ich mich auf den Weg.
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