Johannesbernhardus’s Weblog

Jakobsweg Nummer Drei – Achte Etappe – Viana – Logroño

Juni 17, 2008 · Kommentar schreiben

Wieder stehe ich früh auf. Beim Frühstück gibt es auch dieses Mal viel Obst, das man auch mitnehmen kann. Aber im Frühstücksraum sind eher beleibtere Spanier, die nicht nach Wanderern aussehen.

Dann mache ich mich auf den Weg. Ich  muss bis spätestens 13.00 Uhr in Logroño sein, um den Zug mit Umsteigen nach Madrid zu erreichen. Der Weg fällt mir leicht, die neuen schützenden Pflaster an meinen Füßen wirken. Der Weg kreuzt manchmal die Landstraße. Heute sind mehr Autos und Lastwagen unterwegs, der Streik scheint zu Ende zu sein.

Dann überhole ich A.-M., die ältere Französin. Sie wartet auf ihre Begleiterin vom Vorabend, die hinter ihr kam, dann aber irgendwo die falsche Abzweigung genommen hat. Sie hat ihr Handy in der Hand, bekommt aber zunächst keine Verbindung. Wir gehen zu einer höheren Stelle und sie ruft ihre Freundin an und erklärt ihr zehn Minuten lang auf Französisch in allen Details den richtigen Weg: „An einem Schuppen links, dann an einem Pinienwäldchen entlang. Dort sehen Sie einen großen Baum und da müssen Sie die Abzweigung rechts nehmen….“ . Sie haben die detaillierte Wegbeschreibung von ihrer Jakobswegvereinigung mitgebracht. Bisweilen scheint eine solche Beschreibung einen davon abzulenken, auf die gelben Pfeile zu achten, die eigentlich meist eindeutigere Hinweise geben. Aber nach dem vielen Regen der letzten Wochen hat die Vegetation bisweilen die Überhand gewonnen und die Pfeilmarkierungen überwuchert.

Schließlich findet die Freundin dann doch den richtigen Weg und ich gehe weiter, denn mein Zug fährt in Logroño früher ab.

Kurz vor der Stadt setze ich mich auf eine Bank. Ich möchte schon mal meine lange Hose für die Rückfahrt im Zug anziehen. Ich schaffe es auch noch gerade, bevor eine junge Frau vorbeikommt. Das verschwitzte Hemd werde ich dann später wechseln, möglichst erst im letzten Moment. Dann lasse ich wie vor vier Jahren schon, meinen Ausweis von einer Frau stempeln, die seit Jahrzehnten jeden Tag am Ortseingang von Logroño an einem kleinen Tisch am Weg sitzt. „Felisa, Higos, Agua y Amor“ – „Felisa: Feigen, Wasser und Liebe“ steht auf dem Stempel.  Und ich freue mich, dass Felisa noch da ist und ich wieder bei ihr angekommen bin.

Am Stadtrand hole ich dann die Wandererin ein, die mich vorher überholt hatte. Sie kommt aus der Nähe von Hannover, hat leider keine Zeit, den ganzen Weg zu laufen und will von Burgos nach Leon mit dem Zug fahren.

Ich finde das schade, denn für mich war gerade diese Strecke mit ihren weiten Ebenen, die im Sommer zur Steppe werden, einer der beeindruckendsten Teile meines ersten Jakobswegs. Der Weg ist dort zwar manchmal hart und einsam, aber die Landschaft ist so ganz anders als die eher lieblichen Täler und Hügel bis Burgos und dann in Gallicien. Und sie unterscheidet sich auch von der Hochgebirgslandschaft, in der ich bei Madrid wohne. Vielleicht gefällt sie mir auch deshalb.  

Leider haben wir keine Zeit, uns länger zu unterhalten, denn ich muss zum Bahnhof, während sie sich zur Altstadt wendet. Ein letztes „Buen Camino“ -“Guten Weg“ und das erste Drittel meines dritten Jakobswegs liegt hinter mir.

Auf dem Weg zum Bahnhof finde ich ein Orthopädie-Geschäft. Aber leider haben sie die Einlagenform, die ich brauche, nicht vorrätig.

Die junge Verkäuferin fragt mich am Ende, warum ich eigentlich jetzt schon zum dritten Mal den Jakobsweg gehe. „Warum so oft?“  Ich möchte ihr nicht alle meine Gründe dafür erklären, sage nur, bei keiner anderen Art, seinen Urlaub zu verbringen, lerne man so schnell so intensiv andere Menschen kennen und könne so intensiv seine Fremdsprachenkenntnisse verbessern. Sie scheint von dieser Aussage überrascht zu sein. Ob sie es auch mal versucht? Wer weiß.

Im Bahnhof komme ich gerade noch rechtzeitig an, um mein Ticket zu kaufen und das Hemd zu wechseln, weil der Zug 15 Minuten Verpätung hat. Es ist ein alter Aluminium-Talgo, in den sechziger Jahren mal ein sehr modernes Modell mit Klimaanlage und  in Leichtbauweise mit der damals revolutionären Technik der Radsätze ohne Drehgestelle unter den Waggons, sondern mit Einzelachsen zwischen den Waggons. Doch inzwischen ist dieser Zugtyp in die Jahre gekommen und wird nur noch auf Nebenstrecken eingesetzt. (Mehr zur Geschichte von „Talgo“)

Mein Platz ist neben einer jüngeren Frau mit elegantem Haarschnitt, die Geschäftsgespräche am Handy führt und anscheinend Mitarbeitern Bankgeschäfte erklärt. 

Wie sich dann herausstellt, hat sie gerade eine Woche lang den Jakobsweg von Irun im Baskenland nach Castro Urdiales in Kantabrien gemacht. Es sei härter als der „Camino francés“, der Weg durch das Landesinnere, den ich gelaufen bin, weil es an der Küste entlang häufig sehr starke Steigungen und Abstiege gebe, bei denen man sich manchmal an Stahlseilen festhalten muss.

Sie hat zwei schon ältere Kinder, die sie auch mal davon überzeugen will, den Jakobsweg zu machen.

Beruflich ist sie Mitbesitzerin einer Fabrik für Sofas und gibt mir am Ende noch deren Webadresse mit, wie ich später sehen werde, wirklich elegante Modelle. Hier die Adresse der Sofafabrik: http://www.xerton.com/

Dann steige ich in Tudela um, habe Zeit, in einem südamerikanischen Geschäft, „La tienda latina“, Plastiktüten zu erstehen, um meine lehmverschmierten Stiefel endlich ausziehen und bequem mitnehmen zu können. Dann esse ich in einem chinesischen Restaurant eine Kleinigkeit und gehe wieder zum Bahnhof. Diesmal nehme ich einen sehr modernen Zug, einen „Alvia“, der die Spurweite während der Fahrt wechseln kann und deshalb später die Hochgeschwindigkeitsstrecke nach Madrid benutzen kann, die in der europäischen Normalspurweite gebaut worden ist, wie alle Neubaustrecken in Spanien. Die alten Strecken haben weiterhin die iberische Breitspur, aber das ist kein großes Problem. Jedenfalls werden auf diese Weise die Hochgeschwindigkeitsstrecken nur von schnellen Zügen benutzt, die auch sehr pünktlich sein können. Andernfalls bekommt man nämlich den Fahrpreis zurückerstattet.

Auf dem Bahnsteig steigt eine große Gruppe von jungen Mädchen mit weißer Bluse und rotem Halstuch ein, die Tracht der jungen Männer, die im Juli in Pamplona vor den Stieren her laufen.

Ich hatte erste Klasse nehmen müssen, weil in der zweiten kein Platz mehr frei war. In Spanien kann man nur mitfahren, wenn man einen reservierten Platz hat, die Reservierung ist obligatorisch und im Fahrpreis inbegriffen. Viele Züge sind ausgebucht, es ist schwierig, am Freitag noch einen Platz zu bekommen.

Züge sind teurer als die Busverbindungen, aber oft sehr schnell und auch sehr komfortabel. In der ersten Klasse gibt es in den Hochgeschwindigkeitszügen zur Begrüßung ein Glas Sekt, dann eine Mahlzeit nach gedrucktem Tagesmenü, auch mit kostenlosen alkoholischen oder alkoholfreien  Getränken, dann Kaffee und am Ende vor dem Aussteigen noch mal einen Likör oder Ähnliches zum Abschied. Alles im Fahrpreis enthalten und von Zugbegleiterinnen serviert. (Mehr zu Alvia-Angeboten und Pünktlichkeitsgarantie von Renfe - Alvia -Compromiso de puntualidad- Restauración en el asiento- Bewirtung am Platz)

Der Fahrpreis stört mich heute nicht, denn ich reise diesmal mit den Bonuspunkten der Kreditkarte der Bahngesellschaft „Renfe“ und genieße den fürstlichen Service.

Der junge Mann um die zwanzig neben mir hat nicht das Wort an mich gerichtet, seitdem er sich gesetzt hat.

Genau das hatte ich auf der Hinfahrt im Intercity bei der Unterhaltung mit meiner ersten Sitznachbarin auf dieser Reise bedauert. Wir meinten beide, das Verhalten im Zug ähnele jetzt immer mehr dem in der U-Bahn, wo es auch ein Tabu ist, mit dem Nachbarn zu sprechen. Und die jungen Leute seien vielleicht einfach auch mundfauler als früher.

Sie war auch Krankenschwester – diesmal der häufigste Beruf, dem ich begegnet bin, und wollte mit Freunden die Städte vom Jakobsweg in Kastilien und Leon mit dem Auto besuchen.

Als sie in Valladolid ausgestiegen war, hatte sich ein junges Mädchen neben mich gesetzt, das nach San Sebastian fuhr. Es war mühsam, mit ihr einige Worte zu wechseln. Sie wusste nicht, wie der Fluss hieß, an dem wir in Burgos entlang fuhren, obwohl sie diese Strecke oft befuhr.  Schließlich nahm sie ein Buch aus der Tasche und ich machte keinen Versuch mehr, etwas zu sagen.

Der Zug kommt  heute fünf Minuten vor der offiziellen Ankunftszeit im Fahrplan in Madrid an, ich verstehe, wie man Fahrpreisrückzahlungen vermeidet. Spanische Pünktlichkeit bedeutet bei „Renfe“, dass die Fahrpläne ein wenig Luft haben, so dass die Züge im Normalfall vor der Ankunftszeit am Zielbahnhof sind.

Am Bahnhof für die Nahverkehrszüge helfe ich spontan einer jüngeren Italienerin, die ihre Zielstation, ein kleiner Halt vor Segovia, auf den Karten des Madrider Nahverkehrsystems nicht entdeckt, und versichere ihr, dass der Regionalzug nach Segovia am Bahnhof „La Losa de Riofrio“ halten wird. Ich weiß es, weil ich diesen Bahnhof oft als Ausgangspunkt für Radtouren genutzt habe.

Während ich ihr helfe, merke ich, dass ich mein Verhalten von der Kommunikationsweise „Jakobsweg“, bei der man mit jedem spricht, dem man begegnet, wieder auf „Großstadt“ umstellen muss, wo Zurückhaltung angebracht ist.

Die Umstellung wird mir in den nächsten Tagen schwer fallen. Auch der Blick aus dem Fenster wird zuerst immer noch von der Frage begleitet sein: „Wie ist das Wetter? Regnet es wieder, werden die anderen, die ich kennen gelernt habe,  wieder mit dem Schlamm auf den Wegen kämpfen müssen? Oder werden sie unter der Hitze leiden?

Nun bin ich schon seit einigen Tagen wieder zu Haus, aber bei jedem Blick aus dem Fenster sehne ich mich danach, wieder unterwegs zu sein, egal ob die Füße schmerzen oder nicht.

„Buen Camino“ – hoffentlich kann ich euch, die ihr auch unterwegs seid,  das bald wieder persönlich sagen.

Kategorien: Uncategorized
Mit Tag(s) versehen: , , , , , , , ,

0 Antworten bis hierher ↓

  • Bis jetzt noch kein Kommentar ... Bring die Sache ins Rollen, und füll das untere Formular aus.

Kommentar schreiben