Johannesbernhardus’s Weblog

Jakobsweg Nummer Drei – Sechster Tag – Estella – Los Arcos

Juni 16, 2008 · Kommentar schreiben

Zum Frühstück bin ich  um halb acht wieder in der Fernfahrerkneipe. Im Fernsehen laufen die Morgennachrichten, es gibt einen Streik der kleinen Lastwagenunternehmer gegen die hohen Benzinpreise, die sie nicht an die Kunden weitergeben können, weil die Konkurrenz unter den Transportunternehmen zu groß ist. Sie fordern Mindestpreise und Subventionen von der Regierung. Viele Straßen, Grenzübergänge  und auch Raffinerien werden von Lastwagen blockiert. Fabriken haben die Produktion einstellen müssen, weil Zulieferungen nicht ankommen, vielerorts sind deshalb die Arbeitsverträge der Belegschaft suspendiert worden.

Die Fernsehbilder zeigen schlimme Szenen. Mehrere Lastwagen von Streikbrechern sind von den Streikenden angezündet worden, ein Lastwagenfahrer, der in der Fahrerkabine übernachtet hatte, wurde vom Feuer überrascht und hat schwere Verbrennungen erlitten. Anderswo ist ein Streikposten überfahren  worden und ums Leben  gekommen, als er sich den Streikbrechern entgegengestellt hatte.

In einer anderen Stadt protestieren auch die Fischer.  In Südspanien  verprügeln demonstrierende Bauern Polizisten und werden von diesen auch nicht gerade mit Sanfthandschuhen angepackt. 

Jetzt verstehe ich die Stimmung im Saal am Vorabend und weiß auch, warum so wenig Autos unterwegs waren. Gut, dass ich heute kein Verkehrsmittel brauche!

Ich mache mich wieder zu Fuß auf den Weg. Kurz nach Verlassen der Stadt sehe ich ein großes Kloster vor mir. Noch davor liegt eine Weinkellerei, die für die Pilger einen „Weinbrunnen“ installiert hat, wo man kostenlos Wein abzapfen kann. 

Mehrere japanische und und amerikanische Pilger sind fasziniert und fotografieren, andere nützen die  Gelegenheit und tun schon so früh am Morgen des Guten zu viel. Wie werden sie wohl danach weiterlaufen können? Aber im Mittelalter gehörte der Wein sicher auch schon zu den Standard-Pilgergetränken, wie jetzt bei Menüs für Pilger in den Restaurants.  Wein und Wasser sind dabei fast immer im Preis inbegriffen, man muss aber für Mineralwasser mit Kohlensäure oder Bier extra bezahlen. 

Ich selbst verzichte darauf, den Wein zu probieren, und besichtige das Kloster. Dann ziehe ich weiter, in leichtem Regen. Eine  ältere Dame aus Frankreich überholt mich, sie hat sehr lange Beine und scheint erstaunlich stark zu sein.

Der Regen wird manchmal stärker, die Berggipfel werden von Wolken verdeckt. ich ziehe meine Regenüberhose an. Am Vortag hatte mir der schnelle Gewitteranfang  keine Zeit dazu gelassen und das Wasser war mir wohl an den Beinen entlang in die Stiefel gelaufen.

Während ich auf einer Bank vor einem Campingplatzsupermarkt sitze, unterhalte ich mich in meinem gebrochenem Italienisch mit einer älteren Frau, die ich mit ihrem jünger wirkenden Mann schon beim Zwischenstopp zum Ausweisstempeln  in der Pilgerherberge von Zizur Menor gesehen hatte. Sie übernachten auch in Pensionen, wenn es möglich ist.

Dann gehe ich weiter im Regen, sehe lange keinen anderen Wanderer.  Vor Azqueta hat der Wolkenbruch vom Vortag hinter einer Brücke die Betonstraße unterspült und zur Hälfte zum Einsturz gebracht.  An der Steigung zum Ortseingang sind überall die Gärten überschwemmt worden und das Wasser hat Kartoffelpflanzen zum Teil wegeschwemmt, die doch eigentlich Regen ganz gut vertragen.

Hinter mir höre ich plötzlich Pferdegetrappel, ein Pilger zu Pferd kommt bergab im Trab, steigt beim Aufstieg aber ab und zieht sein leicht bepacktes Pferd hinter sich bergauf.

Die Szene erinnert mich an einen Franzosen, der in der Nähe von Lyon eine Art Reiterhof mit Landwirtschaft und Eseln betreibt, die man  als Reittiere für Kinder und Lasttiere für das Gepäck bei Wanderungen ausleihen kann. (Information auf Französisch: http://www.chambre-d-hote-fr.com/ps/accueil.htm  oder  http://www.buisantane.com/ ) Beim letzten Jakobsweg vor vier Jahren waren auch Pilger mit einem Esel unterwegs gewesen.

Im Ort Aztequa komme ich an einer Bar vorbei, wo viele Wanderer eingekehrt sind.

Kurz danach treffe ich E. vom Vortag wieder, sie ist zwar früher aufgebrochen, hat aber dann lange auf ihre heutigen Begleiter an der  „Weinquelle“ gewartet, denen der Wein gut geschmeckt hat. Nachdem sie mich einem Deutschen aus Bonn vorgestellt hat,  sprechen wir dritt wieder Englisch wie gestern,  weil sie außer Englisch und Irisch als Muttersprache nur etwas Französisch beherrscht.

Ich möchte im nächsten Ort richtig zu Mittag essen, erinnere mich an ein gutes Restaurant an der Landstraße, etwas abseits vom Wanderweg, aber mit einheimischen Gästen und gutem Menü.  E. und M., der Deutsche, haben gerade schon etwas gegessen und so trennen wir uns im nächsten Ort, in Villamayor.

Doch ich finde das Restaurant nicht wieder, vielleicht hat es wegen der neuen Autobahn seine Kundschaft verloren. Ich setze also meinen Weg auch fort, trotz der Warnung im Reiseführer, dass nun drei Stunden ohne Verpflegungsmöglichkeit  vor mir liegen.

Der Weg geht bergab, verläuft dann unterhalb eines steilen Hanges. Auf der anderen Talseite liegt die neue Autobahn auf einem Damm, aber auch heute ist kein Fahrlärm von dort zu hören. Es regnet immer noch. 

Nach kurzer Zeit sehe ich E. wieder, sie steht im Regen neben zwei anderen Frauen. Eine scheint auf dem Boden zu knien. Als ich näher komme, bemerke ich, dass ein Erdrutsch den Wanderweg auf 30 Metern hat verschwinden lassen. Die scheinbar kniende Frau hat wohl versucht, auf der Bergseite über die Erdmassen zu steigen. Es ist die kräftige ältere Französin mit den langen Beinen, die mich einige Stunden vorher überholt hatte. Jetzt steckt sie bis zu den Knien im Schlamm. E. und eine ältere Frau versuchen ihr zu helfen, aber der Lehmmatsch ist so klebrig, dass sie es nicht schaffen, sie herauszuziehen. Mit vereinten Kräften gelingt es E. und mir dann, nachdem wir selbst zuerst vorsichtig einen sicheren Standpunkt gesucht haben, damit uns nicht das Gleiche passiert. Die ältere Dame ist ganz glücklich, dass Hilfe gekommen ist. Ihre Kleidung ist von Schlamm bedeckt, aber das geht schon irgendwie wieder ab. Die andere ältere Frau, auch eine Französin, wird ihr dabei helfen.

E. Und ich machen uns nach einiger Zeit wieder auf den Weg. Zum Glück bestätigt sich meine Befürchtung nicht, dass die Autobahn durch das wunderschöne einsame Tal gelegt worden sein könnte, das uns jetzt 10 Kilometer weit begleitet. Wir sehen fast bis zum Ende niemanden, nur Weinberge und Felder im Tal, zwischen Wäldern auf den Hügelkuppen.

E. erinnert die Landschaft an einen riesigen Golfplatz. Schon immer ist diese Kulturlandschaft von Menschen bewohnt und umgeformt worden. Manchmal sind Ruinen als Zeugen früher Bewohner zu sehen. Bei einem dieser alten Gebäude steht ein Schild.  Unter anderem erwähnt es, dass hier früher drei Menhire gestanden haben, nach einer Legende entstanden sie aus einer Familie von Menschen, die durch die Umwandlung in Steine bestraft worden sei.

Kurz vor Los Arcos fährt ein junger Mann auf einem laut knatternden Geländemotorrad an uns vorbei. Wir haben das Gefühl, Glück gehabt zu haben, dass er uns nicht früher begegnet ist und wir so die einsame Landschaft ganz für uns allein hatten.

In Los Arcos habe ich ein Zimmer reserviert, E. will wieder zu einer Herberge. Ich begleite sie zum Stempeln meines Pilgerausweises, stelle aber fest, das er nicht mehr in meiner Hosentasche ist und fürchte, ihn verloren zu haben. Die Herberge wird von einem unglaublich freundlichen älteren Paar betreut. Ihr deutscher Akzent kommt mir Flämisch vor. Ja, sie sind wirklich aus Flandern und freuen sich, als ich ihnen erzähle, dass mein Sohn auch Flämisch sprechen kann und in Flandern lebt.

Sie sind sehr verständnisvoll und und als sie hören, dass ich im Hotel übernachte, sagen sie ungefragt, falls E. und ich morgen zusammen weiterwandern wollten, sollten wir daran denken, dass alle Herbergsgäste die Herberge vor acht Uhr verlassen müssten. 

Mein Hotel, das ich schon vom letzten Aufenthalt kenne, hat inzwischen kein eigenes Restaurant mehr, die Besitzerin sagt, die Saison sei jetzt zu kurz. Wohl eine Folge der Autobahn, die aber die positive Konsequenz für mich hat, dass ich nachts nicht mehr vom Verkehrslärm auf der Landstraße am Haus gestört werde.

Das Zimmer ist einfach eingerichtet, hat zwar keinen Haartrockner, dafür aber einen Balkon, wo ich meine Wäsche aufhängen kann. Und dieses Mal sind meine Stiefel auch nicht von innen nass geworden.

Und dann finde ich auch meinen Pilgerausweis wieder. Ich benötige ihn eigentlich nicht, da ich nicht in den Herbergen übernachte, aber die Stempel in alten Pilgerpässen sind später eine gute Gedankenstütze, um frühere Jakobswege zu rekonstruieren.

Vor dem Abendessen gehe ich durch den kleinen Ort. Die Kirche hat einen schönen gotischen Kreuzgang mit einem Garten voller Rosen.  In der Apotheke erstehe ich ein Wundgel und zwei Schuh-Einlagen für die Fersen.

Dann gehe ich auf die Suche nach einem Internet-Café. Die Herbergseltern hatten mit zwar angeboten, den Computer in der Herberge zu benutzen, aber die Gäste dort werden den sicher selbst gut gebrauchen können.  

Schließlich versuche ich es im Kulturzentrum – „Casa de Cultura“. In der BIbliothek stehen viele Computer, aber nur einer hat Internetanschluss. ich muss warten, bis ein Zehnjähriger seine Recherche für die Schulhausaufgaben abgeschlossen hat, dann habe ich noch eine halbe Stunde Zeit für meinen Blog. Zu wenig, aber immerhin.

Beim Warten treffe ich M. aus Uruguay wieder, der mir eine Ausstellung im Kulturhaus empfiehlt. Aber als ich mit dem Schreiben am PC fertig bin, ist es schon zu spät für eine Besichtigung. Andalusische Kunst, aus der Sammlung von Carmen Thyssen. Merkwürdig, warum ausgerechnet hier – an diesem abgeschiedenen Ort? Die Bibliothekarin erklärt mir, dass die Mutter der Baronin und Kunstsammlerin aus Los Arcos komme. Und deshalb zeigt sie ihre persönliche Sammlung nicht nur im neuen Anbau des Madrider Thyssen-Museums, sondern auch hier.

Und wie der Zufall so spielt,  rufe ich dann eine Freundin in Madrid an und sage ihr, dass ich heute in Los Arcos bin. „In Los Arcos? Da ist eine Kunstausstellung, an deren Katalog ich mitgearbeitet habe!“

Am Abend esse ich  allein in einem Landhaushotel, die Kellnerin und der Kellner, anscheinend Nord- oder Osteuropäer, sind sehr nett,  aber das Lokal ist leer, keine Einheimischen.

Dann treffe ich wieder auf E. aus Irland, M. aus Uruguay und eine Italienerin. Wir sprechen über die politische Situation in Italien, die Italienerin ist aus Mailand, lebt aber seit Jahren in Rom und fühlt sich jetzt da eher zu Hause.

Danach reden wir über die Ausstellung, M. erzählt begeistert von einigen Genre-Bildern. schade, dass ich die Ausstellung nicht gesehen habe.

Dann verabschieden wir uns. Leider werde ich die drei an den Tagen, die mir diesmal noch bleiben,  nicht wieder sehen.

Ich gehe früh zu Bett, denn ich möchte früh aufstehen.

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