Johannesbernhardus’s Weblog

Jakobsweg Nummer Drei – Fünfter Tag – Puente La Reina – Estella

Juni 15, 2008 · Kommentar schreiben

Puente La Reina

Das Frühstück ist reichhaltig, viel Obstsalat. Dann ziehe ich stadtauswärts, überquere die berühmte alte Brücke, die der Stadt ihren Namen gegeben hat. An einem Gebäude am Ortsausgang mache ich ein Foto von einem Ornament an einer Hausmauer, das einem Hakenkreuz zu gleichen scheint oder eher einem Sonnenrad. 

Eine junge Frau überholt mich, die aus Irland kommt. Sie heißt E., wie eine Romanheldin aus dem 19. jahrhundert, ist seit St. Jean Pied de Port unterwegs. Von Beruf ist sie Krankenschwester, hat aber ihre Stelle gekündigt und will den Beruf wechseln. Sie hat jahrelang gespart und will zuerst den Jakobsweg abschließen, dann einen Monat durch Spanien reisen, anschließend ein halbes Jahr durch Südamerika, dann nach Neuseeland und Australien. Zu Haus sind sie neun Geschwister, für die jüngeren reichte das Geld zu einem längeren Universitäts-Studium nicht und für Stipendien lag das Einkommen über der Einkommensgrenze. Wir sprechen über das Europa-Referendum, das am nächsten Tag in Irland stattfindet und sie meint, dass die Iren zu lange um ihre nationale Unabhängigkeit gekämpft hätten, um jetzt so schnell viel Souveränität an Europa abzugeben. Ich erläutere ihr, wie der Europagedanke für uns als Deutsche nach dem Zweiten Weltkrieg ein willkommener Ausweg aus den Schwierigkeiten mit der eigenen Nationalität war und dass wir auch daran gewöhnt sind, mit mehreren nationalen Identitäten zu leben: zunächst die der Stadt oder der Region  und dann die des Bundeslandes, wenn es ein historisches Land ist, dann die des ganzen Staates.

Manchmal kommt zuerst die des Bundeslandes, wie zum Beispiel bei den Fernsehumfragen auf der Straße zum Thema “Wie finden Sie es, dass der deutsche Kardinal Ratzinger zum Papst gewählt worden ist?” und in München die Leute  geantwortet haben: “Ich finde es wunderbar, dass jetzt ein Bayer Papst wird.”

In meinem Fall beginnt die Identität zuerst mal mit der als Kölner, mit der Erinnerung an lange politische Eigenständigkeit einer freien Reichsstadt mit eigener Verfassung, die vom Mittelalter bis zur französichen Revolution auch Selbstregierung erlaubte, nachdem die Bürger den vorher herrschenden Erzbischof aus der Stadt geworfen hatten. Dann kommt die regionale Identität als Rheinländer, die sich im 19. Jahrhundert auf die Liberalitität gegenüber preußischer Herrschaft beruft, die es auch einem Karl Marx erlaubte, in Köln als Journalist zu arbeiten.

Heute habe ich noch nicht das Gefühl, ein Nordrhein-Westfale zu sein, weil dieses Land doch zu sehr künstlich entstanden ist - aber bei bei jüngeren Menschen gibt es das vielleicht doch schon, mit identitätsstiftenden Institutionen wie dem regionalen Fernseh- und Rundfunksender WDR – wie das ganze Bundesland selbst auch eine Gründung der alliierten Besatzer nach dem Krieg.

Und dann kommt bei mir die Identität als Deutscher, die mir erst nach langem Leben im Ausland vertrauter wurde. Für meinen Sohn, der als Kind eines Deutschen und einer Spanierin,  aber nur mit deutscher Staatsangehörigkeit, in Spanien aufgewachsen ist und heute in Belgien lebt, ständig vier oder fünf Sprachen benutzt, steht dagegen eigentlich heute die Identität als Europäer an erster Stelle.

Wir sprechen weiter über Europa und ich erzähle ihr hier von dem Film, den die Engländer in meinem Geburtsjahr 1948 in Köln gedreht haben, um in England für Spenden zu werben. (”A School in Cologne”). Sie bitten in England  um Spenden für das zerstörte Land, das ihr eigenes Land zuvor auch zerstört hatte, und für dessen Kinder, von denen  damals viele  bei schlechtem Wetter ohne Schuhe zur Schule gingen, wie der Film zeigt. (Man hat diesen Film vor kurzem wiederendeckt und man kann ihn im Internet anschauen, Englisch mit deutschen Untertiteln: http://www.koeln1.tv/stadtgeschichte/stadtgeschichte.html#

“A SchooL in Cologne” 

Für mich ist dieser Film auch ein Beleg dafür, wie man auch auf der Seite der Sieger damals auf eine echte Aussöhnung mit den Feinden aus zwei Weltkriegen aus war, und das so kurze Zeit nach dem Krieg.

So eine Versöhnung mit früheren Feinden ist hier in Spanien immer noch umstritten, jedenfalls glaubt ein Teil der Gesellschaft noch heute, dass man etwa durch Nachforschungen über den Verbleib von Verschollenen der Unterlegenen im Bürgerkrieg nur alte Wunden wieder öffnet.

Unser Weg ist heute oft in sehr gutem Zustand, ganz im Gegensatz zum letzten Mal vor vier Jahren, als gerade hier im Verlauf des historischen Weges die Autobahn gebaut wurde. Mit den Baugeldern hat man auch mittelalterliche Brücken restauriert, wie Tafeln verkünden. An einer Stelle führt der Weg unter der Autobahn durch einen Röhrentunnel hindurch. Aber der Betontunnel ist aufwändig mit Bruchsteinmauerwerk verkleidet worden, ganz im mittelaterlichen Stil.  

Der Verkehrslärm von der Autobahn stört uns übrigens wenig, man hört und sieht fast kein Auto. War die Autobahn vielleicht vom Verkehrsaufkommen her ganz überflüssig?

Beim Mittagessen besteht E. darauf, ihr Essen selbst zu bezahlen. Später erzählt sie, dass sie den Jakobsweg und die schon fest geplanten folgenden Reisen auch macht, weil sie eine Bedenkzeit brauchte. Jemand hatte sie heiraten wollen. Sie war sich aber nicht sicher, ob sie so intensiv liebte, wie sie geliebt wurde, ob sie schon Kinder bekommen wollte, wie sie sagt. Mit ihrem Beruf war sie auch nicht zufrieden, fühlte sich als Krankenschwester nicht ausreichend geschätzt. Jetzt will sie ein Jahr lang überdenken, wie sie sich ihre Zukunft vorstellt.

Wir sind kurz vor Estella, doch es ziehen dunkle Wolken auf. Und dann kommt ein Gewitter mit einem Wolkenbruch, wie ich ihn selten auf freiem Feld erlebt habe. Lange bleibt das Gewitter mit Blitz und Donner fast direkt über uns, doch wir gehen weiter, denn neben uns ist meist eine Böschung, die höher ist als wir groß sind. Der Weg ist an vielen Stellen zum Bach geworden, aber wir kommen nach zwei Stunden in Estella an. E. gesteht mir, dass sie ziemlich viel Angst gehabt hat und froh war, nicht allein unterwegs zu sein. Ich bin erschöpft, sie bleibt in der ersten Herberge und ich gehe weiter durch den Regen zu der Pension, wo ich telefonisch ein Zimmer reserviert habe.

Ich verabschiede mich von E., denn sie wird wie alle Pilgerherbergsgäste das Haus vor acht Uhr verlassen müssen und ich komme nie so früh aus den Federn. Mir fällt auf, wie besorgt sie danach fragt, ob es mir auch gut geht, bevor ich dann weggehe. Sieht man mir meine Erschöpfung so sehr an? Dann führe ich die Besorgtheit auf ihren Beruf als Krankenschwester zurück oder auf die vielen Geschwister bei ihr zu Haus.

Die Pension liegt am Ortsausgang, “hinter der zweiten Tankstelle links”, wie man mir gesagt hat. Sie ist in einem Neubau in einer normalen Wohnung – später erfahre ich dann, in mehreren Wohnungen. Der Besitzer ist sehr freundlich und erklärt mir genau, wo ich ein Internet-Café finden kann. Ich bekomme auch eine Magnet-Karte, mit der ich Haustür, Wohnungstür und Zimmertür öffnen kann.

Das Zimmer ist einfach, hat aber einen tollen Haartrockner, den ich am nächsten Morgen auch brauchen werde, um meine Kleidung nach der Hand-Wäsche und vor allem die total durchnässten Wanderstiefel (trotz Gore-Tex…) wieder benutzbar zu machen.

Ich gehe ins Internetcafé, sitze am Computer neben den kleinen Kindern der südamerikanischen Angestellten, die auch bis 22.00 Uhr dort bleiben.

Dann gehe zum Abendessen in ein Fernfahrerlokal gegenüber der Pension. Ich bekomme noch ein Essen, obwohl es für diese Gegend schon spät ist, fast halb elf. Der Speiseraum ist leer, obgleich im Fernsehen ein Fußballspiel von Spanien läuft, was in Madrid die Lokale füllen würde.  Spanien scheint zu gewinnen. Eine Gruppe von Männern sitzt weit ab vom Fernseher, sie trinken viel, sprechen wenig, wirken irgendwie besorgt. Als ich das Lokal nach einem reichlichen und herzhaften Abendessen verlasse, höre ich Fetzen eines Handygesprächs, das ein junger Mann am Eingang führt. “Ja, das ist jetzt wirklich ernst, die haben heute bei uns 30 Leute auf die Straße gesetzt, wie soll das nur weiter gehen…” Nun beginne ich die gedrückte Stimmung im Speisesaal zu verstehen und vermute, sie könnte etwas mit diesen Entlassungen zu tun haben. Ist die beginnende Wirtschaftsflaute in Spanien so plötzlich akut geworden?

Wie gut es doch ist, in solchen Zeiten einen sicheren Arbeitsplatz zu haben, denke ich auf dem Weg auf mein Zimmer.  

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