Das Frühstück war ausgezeichnet, alle gewaschenen Kleidungsstücke sind über Nacht trocken geworden, den Rest mache ich mit dem Haartrockner.
Dann gehe ich zum Bezahlen an die Rezeption. Auf der Rechnung steht „Apatrida“ -“Staatenloser“ -merkwürdig, ich hatte doch meine spanische Aufenthaltsgenehmigung gezeigt, auf der meine Staatsangehörigkeit mit „deutsch“ angegeben ist. Beim Hinausgehen beginne ich mich zu fragen, ob sie mich auf diese Weise im Computer vielleicht als Zigeuner kennzeichnen wollen, dem man besser in der Hotelkette kein Zimmer gibt. Viellecht hat es auch nur steuerliche Gründe für die Hotel-Firma. Aber Staatenloser und Zigeuner – irgendwie stimmt das ja auch, denke ich dann, zurzeit nur mit dem Nötigsten unterwegs, muss jeden Tag Hemd, Socken, Unterwäsche waschen, und das im Hotelbadezimmer. Und Staatenloser- na ja, eigentlich bin ich das fast, nach dreißig Jahren in Spanien, in Deutschland renten- und krankenversichert, aber Steuerzahler in Spanien, Wähler bei Bundestagswahlen in Deutschland und bei Europa- und Kommunalwahlen in Spanien- obwohl das aus unerfindlichen Gründen bei den letzten Wahlen dann doch nicht geklappt hat- nach Eintragung ins lokale Wählerverzeichnis war ich am Wahltag dann wieder daraus verschwunden…
Staatenloser sein – gar nicht ein so unsympathischer Status. Als junger Mann meiner Generation fühlte ich mich damals ja auch mehr als Kölner als als Deutscher, damals hatte man als Deutscher Schuldgefühle für das, was die Vätergeneration in der Nazizeit getan hatte. Und hier in Spanien gibt es schon übergenug Nationalisten jeder Couleur, für die Fahnen mehr als ein Stück Tuch sind und wo das Hissen der Nationalflagge am Rathausbalkon in einigen Regionen von vielen als Herausforderung verstanden wird, während sie anderswo, wie am Madrider Colon-Platz, dafür in besonders riesigem Format weht.
Durch eine menschenleere Neubausiedlung mit Schwimmbädern gelange ich wieder zum Jakobsweg, Richtung „Alto del Perdón“ „Anhöhe der Vergebung“. Heute morgen sind viele ältere Spaziergänger unterwegs, eine Frau fällt mir auf, die ihr Radio in den Ohrhörern so laut eingestellt hat, dass ich eine Zeit lang mithören kann. Sie überholt mich im Eilschritt, obwohl es bergauf geht und sie schon älter sein muss. Nach einer Stunde kommt sie mir dann entgegen, ich frage sie nach ihrem Alter- 73 – und sie macht das jeden Tag…
Beim Alto del Perdón stehen Windräder in einer langen Reihe auf dem Bergkamm, sie sind wohl aus einer früheren technischen Generation, denn sie laufen sehr schnell und machen dabei auch recht viel Lärm, was mich ein wenig deprimiert.
Eine frühere Flugzeugbaufirma, Gamesa, aus dieser Region Navarra hat sich jetzt ganz auf Windenergie spezialisiert und ist inzwischen eine der größten Firmen weltweit. In Navarra und dann in Spanien ist dieser Sektor sehr schnell gewachsen, weil sich die Elektrizitätsgesellschaften selbst daran beteiligt haben. In manchen Provinzen liegt der Anteil von Windernergie zeitweise bei 50 Prozent, die Leitungen sind nicht stark genug, um noch mehr zu produzieren. Spanien hat übrigens auch für die Stabilisierung des Netzes – der Wind weht ja nicht immer, Mittel und Wege gefunden. Überschüssige elektrische Energie zu speichern ist für die spanischen Elekrizitätsversorger ein alter Hut, da sie zur Nutzung der nächtlichen Überschüssse der Atomkraftwerke auch schon Speichertalsperren genutzt haben. In diese Stauseen wird das Wasser hochgepumpt, wenn zu viel Energie produziert wird. Dieses Wasser kann dann in Spitzenverbrauchszeiten wieder zur Stromerzeugung genutzt werden. Das landesweite Stromnetz gehört hier übrigens einer unabhängigen Firma, was sicher auch für den Zuwachs der erneuerbaren Energien wichtig ist.
Oben angekommen, bleibe ich trotz des starken Windes einen Moment stehen, nicht wegen der etwas unschönen Eisenfiguren eines Pilger-Denkmals, sondern um den zwei Geiern zuzusehen, die im Aufwind zu spieln scheinen. Da steigen ein älterer Mann und ein Junge aus einem Auto, haben zwei Flugzeugmodelle mit der gleichen Form wie die der Geier bei sich und Fernbedienungen. Und sie schaffen es tatsächlich, den Geierflug nachzuahmen, die Modelle kreuzen sich in einem Affentempo, unglaublich!
Schließlich reiße ich mich dann doch los, beginne den steilen Abstieg auf einer Steinpiste, werde dabei von Mountainbike-Pilgern überholt, die mit halsbrecherischer Geschwindigkeit ohne Rücksicht auf irgendwelche Risiken für Kopf und Kragen über den Schotter hinunterrasen.
Ich lasse es etwas langsamer angehen, habe nach den Erfahrungen beim ersten Jakobsweg vom Abstieg von El Acebo nach Ponferrada, bei dem mehrere Zehennägel blau wurden, etwas Angst um meine Füße. Die Vegetation ist südlich von der Anhöhe plötzlich auch mediterraner geworden, Steineichen (Quercus petrea) statt der Buchen auf der Nordseite.
Irgendwann holt mich ein junger Mann ein. Er ist Uruguayer, ist vor einigen Jahren nach Spanien gekommen und hat gerade sein Jurastudium abgeschlossen und schon erste Erfahrungen in einer Anwaltskanzlei gesammelt. In einigen Wochen will er einen Englischkurs im Ausland besuchen, für den er ein Stipendium bekommen hat. Er war auch ein Jahr als Erasmusstudent in Brüssel und spricht auch Französisch.
Von seinem Studium hat er noch viele Namen deutscher Juristen im Kopf. Ich erzähle ihm von meinen Erfahrungen vor vielen Jahren als Deutschlehrer für spanische Juristen, die schnell deutsche Texte lesen lernen wollten und das auch oft erstaunlich schnell schafften, weil sie die geringen Deutschkenntnisse durch gute juristische Kenntnissse ausgleichen konnten und manchmal nicht nur bei zwei bekannten Begriffen den dritten errieten, sondern sogar bei nur einem bekannten Begriff die beiden anderen vorhersagen konnten.
Wir sprechen auch über die „furchtbaren Juristen“, die eine nicht so einwandfreie Vergangenheit aus der Nazizeit hatten, von denen aber Anfang der Siebziger Jahre einige noch in Deutschland Universitätsprofessoren waren.
Aus spanischer Sicht wurde damals die deutsche Rechtswelt ganz anders gesehen. In der Anfangszeit der Demokratie war das deutsche Verfassungsrecht oft ein Vorbild in Spanien, deshalb waren besonders viele Verfassungsrechtler an Deutsch interessiert. Die spanischen Verfassungsrichter ließen sich jede Woche eine Sammlung der Artikel zum deutschen Verfassungsgericht aus deutschen Zeitungen zusammenstellen.
M. fragt mich, ob ich den Jakobsweg mache, weil ich religiös bin. Er selbst kommt aus einer sehr katholischen Familie, kann aber nicht glauben, wie er sagt. Ich erzähle ihm aus den Siebziger Jahren, als in der Kölner Kirchenzeitung der chilenische Diktator Pinochet nach dem blutigen Militärputsch unterstützt wurde und das für mich die Glaubwürdigkeit der Amtskirche doch sehr ins Wanken gebracht hatte.
M. war in Berlin von den Mauerresten und den Mahnmalen für die Maueropfer beeindruckt worden, will wissen , wie wir mit der Erinnerungen an die Verbrechen der Nazizeit und des kommunistischen Regimes leben und ob wir sie verarbeitet haben. Er selbst kommt aus einem Land, das auch unter einer Diktatur gelebt hat.
Inzwischen sind wir beide hungrig geworden, lassen ein Restaurant im ersten Ort links liegen, weil dort keine Einheimischen zu sehen sind und finden dann im zweiten Ort eins, wo fast alle Gäste Arbeitsanzüge tragen. Das Essen ist sehr gut, ich habe als zweiten Gang Fisch, eine vorzügliche Dorade mit Scheibenkartoffeln, das Menü mit Getränk kostet 9 Euro.
Dann biegen wir vom direkten Weg nach Puente la Reina ab, M. will nach Eunate, einer einsam gelegenen romanischen Kirche, die vom Templerorden gebaut worden sein soll. Die Kirche ist klein, achteckig nach Art der Grabeskirche, leise Musik und wenig Licht schaffen eine Atmosphäre, die zur Meditation einlädt. Auf dem Bogen sitzt ein Pilger in Yoga-Haltung, ist lange Zeit ganz versunken und bewegungslos. Ich will ihn nicht stören, mache innen keine Fotos.
Neben der Kirche ist eine kleine Pilgerherberge, M. will dort bleiben und verabschiedet sich von mir sehr überschwänglich, als wären wir trotz der so kurzen Zeit, die wir gemeinsam verbracht haben, schon alte Freunde, die sich nun nicht wiedersehen werden. Auf dem Jakobsweg kommt man sich eben oft in kurzer Zeit näher als sonst oft in Jahren der Bekanntschaft.
Ich wandere allein weiter, komme durch die Felder nach Obames, einen kleinen Ort auf einer Anhöhe mit einer großen neoromanschen Kirche und mit vielen perfekt und teuer restaurierten alten Häusern, an denen überall Protesttransparente auf Spanisch und Baskisch hängen. Die Bewohner sagen „Nein“ zu irgendetwas, ich erkenne aber nicht, wozu. Ein Passant erklärt mir dann, dass im nahezu noch idyllischen Tal von der Regionalregierung eine „Ciudad de la Carne“ – Stadt des Fleisches“ geplant sei, eine riesige Schlachthofanlage. Ich verstehe ihren Protest, so einen Nachbarn mit Abfällen, Abwasser und Gestank will niemand gern in seiner Nähe haben. Und warum ausgerechnet in einer solch schönen Landschaft?
Einige Zeit später komme ich dann nach Puente la Reina. Auch hier ist seit meinem vorigen Jakobsweg viel restauriert worden, so auch das jahrhundertealte Gebäude des Landhaushotels an der Hauptstraße „Calle Mayor“, die jetzt Fußgängerzone geworden ist.
Vor dem Abendessen habe ich im Pilgergeschäft nebenan noch schnell einen größeren Rucksack erstanden und dort auch eine Stunde im Internet verbringen können, bevor geschlossen wird. Der freundliche Besitzer ist Argentinier und hat wie alle Geschäftsleute am Jakobsweg viel Verständnis für die Leiden und Wünsche der Pilger und weiß für alles eine Lösung.
Mein Zimmer ist zwar winzig, ich muss mich regelrecht winden, um neben der Toilette in die Dusche zu kommen, die Wasserhähne sind vergoldet, nicht gerade geschmackvoll. Das Hotelrestaurant ist in einem restaurierten mittelalterlichen Kellergewölbe, an jedem Tisch sitzen Leute anderer Nationalität, aber die elegante Einrichtung wirkt förmlich und macht alle etwas steif. Ich sitze allein am Tisch, wie in Restaurants in Spanien üblich, man darf sich nicht zu Unbekannten setzen. Nach dem Essen werfe ich einen Blick auf das Fußballspiel, dem eine Gruppe von distiguierten älteren Herren aus England folgt. Ich bleibe einen Moment sitzen und höre den Kommentaren der Engländer zu, die viel vom sprichwörtlichen englischen Humor mitgebracht haben.
Draußen regnet es, ich bleibe an der Hoteltür stehen und spreche mit einer Frau, die eine Zigarette raucht. Sie ist aus Ponferrada, einer Stadt am Jakobsweg und will nun mit ihren zwei Freundinnen auch diesen Teil des Wegs kennen lernen, dieses Mal bis Santo Domingo de la Calzada.
Aber es ist spät, ihre Freundinnen rufen sie und ich gehe auch rein und werde nach dem guten Abendessen sehr gut schlafen.











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