In der Nacht höre ich manchmal die Kuhglocken, aber das stört mich nicht weiter.
Um acht gibt es Frühstück, beim Bezahlen erzählt mir der Wirt noch, dass letzte Woche das deutsche Fernsehen da gewesen sei. Und auch (der Bestsellerautor und Fernsehkomiker) Hape Kerkeling sei bei ihnen vorbeigekommen, er habe einen geschwollenen Knöchel gehabt und einen Eisbeutel gegen die Schwellung bekommen. Zum Dank habe er ihnen später eine Postkarte geschickt und dann auch ein signiertes Exemplar seines (Bestseller-)Buches über seinen Jakobsweg.
Ich verzichte aber darauf, es anzusehen und mache mich auf den Weg.
Meist geht es auf schmalen Wegen am Fluss entlang, an einer Stelle, wo der Weg hinter einer Hecke parallel zu einem breiten Radweg verläuft, wähle ich den Radweg.
An einer Hinweistafel studiert ein Radfahrer das Wegesystem am Fluss entlang, das 33 km Flusspark durchzieht. Er rät mir, auf diesem Weg am Fluss entlang nach Pamplona zu gehen, es sei zwar länger, aber ich brauche nicht die Steigungen vom Jakobsweg zu überwinden, der die Flussmeander abkürzt.
Er fährt eine Weile lngsam neben mir her. Wir sprechen dann über den Wandel, den Spanien in den letzten dreißig Jahren erfahren hat, eigentlich hätten den eher seine Eltern miterlebt, aber er könne sich das auch gut vorstellen, dass es einen überraschen müsse, wie sich alles geändert habe.
Er ist fünfzig und hat eine siebenjährige Tochter, wenn sie alt genug ist, will er mit ihr auch einmal den Jakobsweg machen.
Dann fährt er weiter, mir kommen inzwischen immer mehr Sonntagsspaziergänger entgegen, auch viele Radfahrer mit kleinen Kindern, Pamplona scheint wirklich Lebensqualität zu haben.
Irgenwann frage ich eine Frau um die Fünfzig nach dem Weg, sie ist recht rundlich, geht aber wesentlich schneller als ich, bleibt jedoch dauernd stehen, um Bekannte zu begrüßen. Anscheinend kennt sie die ganze Stadt. Ich höre, dass sie mit den Leuten Baskisch spricht, aber frage sie auf Spanisch. Sie ist sehr freundlich, erklärt sich gleich bereit, mich den ganzen Weg nach Pamplona zu begleiten, denn sie wolle auch dorhin. Sie arbeitet an einer Ikastola, wie sie mir dann erklärt, das ist eine der aus privater Initiative entstandenen Schulen, wo man schon auf Baskisch unterrichtete, bevor es an den staatlichen Schulen eingeführt wurde.
Sie selbst hat in Granada studiert und ist dann nach Pamplona zurückgekommen und hat Baskisch erst als Erwachsene gelernt, aber so Arbeit gefunden. Die Leute, die sie weiterhin ständig begrüßt, sind meist Schülereltern oder manchmal auch Kolleginnen, denen sie auf Baskisch zu erläutern scheint, wer dieser seltsame deutsche Begleiter mit Rucksack und Wanderstöcken ist. Unglaublich, wie viele Leute sie kennt, anscheinend haben die Eltern an diesen Schulen viel Kontakt zu den Lehrern.
Der Weg verlässt bisweilen das Flussufer, führt durch kleine Parks, in einem wird sogar gerade gegrillt – wie in Deutschland! Überall sind archtitektonisch schöne öffentliche Gebäude, Schulen, Schwimmbäder und Ähnliches zu sehen, man merkt den Reichtum dieser Region. Das Prokopfeinkommen liegt über dem europäischen Durchschnitt und nicht nur die gut gebauten privaten Wohnhäuser zeigen das.
Meine Begleiterin geht diesen weiten Weg jeden Sonntag hin und zurück, und sie ist wirklich in Form! Sie erzählt mir von Neffen und Nichten, die Englisch und Französisch sprechen und Erasmus im Ausland machen, anscheinend hat sich das Baskisch als Erstsprache in der Schule als nicht hinderlich für das Erlernen anderer Sprachen erwiesen, sondern dieses eher gefördert, wie sie meint. Leider spricht aber niemand in der Familie Deutsch.
Dann kommen wir durch eine Zone mit kleinen und größeren Gärten, wo Gemüse angebaut wird. An einigen Stellen sind auch Gartenbaubetriebe, die an den Verbraucher verkaufen, wir sehen Schlangen an den Gewächshäusern und dann Leute mit Gemüsetüten auf dem Weg in die Stadt. Auch ein guter Grund für einen Sonntagsspaziergang!
Meine Begleiterin fragt mich nach meinen Plänen für den Tag. Ich habe vor, zur Kathedrale zu gehen und dann in der Altstadt zu essen. Sie entschuldigt sich dafür, mich nicht nach Haus zum Mittagessen einladen zu können, weil sie heute draußen essen wolle.
An einer Kreuzung zur Altstadt verabschiede ich mich dann, gehe einen Moment in die fast total dunkle Kathedrale, mit der Ausnahme einer Kapelle, wo gerade eine Taufe stattfindet.
Dann suche ich ein Restaurant, finde eins mit einer tollen Speisekarte an der Plaza Castillo, aber ein Besuch auf der Toilette bringt mich angesichts der Hygiene und kaputten Armaturen dann schnell davon ab, dort zu speisen.
Schließlich finde ich eine Bar mit einem fast genauso guten Menü in einer Fußgängerstraße und esse ein köstliches Mittagessen, umgeben von Kinderwagen, die niemanden stören, obwohl die Kellner und Gäste es schwer haben, an die Tische zu kommen.
Plötzlich wird der Fernseher angemacht und als erstes dröhnt die spanische Nationalhymne durch das Lokal, bevor jemand den Ton leiser stellen kann. Die Köpfe drehen sich, sicher sind auch viele Navarrer und Basken im Restaurant, für die diese Hymne des bei vielen fast verhassten Zentralstaats nicht gerade die Lieblingmelodie ist. Aber niemand protestiert: Ein beliebter junger spanischer Tennispieler spielt gegen einen Ausländer!
Nach dem Essen mache ich mich auf den Weg zum Hotel, es liegt in Zizur Mayor, nur 15 Minuten vom Jakobsweg entfernt, eine Stunde außerhalb von Pamplona, hat viele Sterne, aber heute Sonntagstarif und kostet damit weniger als die Zweisternehotels in der Stadt.
Vorher lasse ich mir in der Herberge von Zizur dann noch den Pilgerpass stempeln und bedaure es, das Hotelzimmer schon reserviert zu haben. 
Im idylischen Garten der Herberge hocken mehrere Pilger meiner Generation am Gartenteich, füttern die Schildkröten, die dort friedlich mit Goldfischen zusammenzuleben scheinen. 
Man hört gleichzeitig vier Sprachen, die Leute sind nett, aber ich gehe dann doch weiter Richtung Hotel, was mir auch körperlich schwer fällt, denn der Tag war lang. Im Hotel schaut man mich etwas skeptisch an, nicht jeden Tag kommt da wohl ein müder Pilger vorbei. Internet kostet 6,50 € pro Stunde, das ist mir dann doch zu viel, ich gehe früh ins Bett, nachdem ich noch gewaschen habe- es gibt einen Haartrockner- morgen wird also alles trocken sein!
Und das war es für heute!










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