Johannesbernhardus’s Weblog

Jakobsweg Nummer Drei – Zweiter Tag – Burguete – Larrasoaña

Juni 7, 2008 · Kommentar schreiben

Die Kinder waren auf dem Flur noch bis halb eins zu hören, dann bin ich eingeschlafen. Heute morgen hat mich das Licht durch mein Mansardenfenster um Viertel nach sieben geweckt, jetzt warte ich gerade auf das Frühstück und nutze die Zeit zum Schreiben. Draussen regnet es leicht, aber über dem Nebel der Wiesen schaut an einigen Stellen auch schon blauer Himmel hervor. Was für ein Unterschied zur Hitze vor einigen Jahren auf dieser Etappe, damals eine Woche später! Ich freue mich schon auf den Weg, habe aber auch ein bisschen Furcht vor den Fussbeschwerden, die mich als Untrainierten wahrscheinlich heute erwarten. Aber es wird schon gehen, es muss!

Jetzt will ich aber runter zum Frühstück, der Duft von Toastbrot steigt mir zu verführerisch in die Nase, ich habe Hunger!

Bis bald!

Heute, am Montag, habe ich endlich wieder eine Internetzugang gefunden und kann über den zweiten Tag weiterberichten.

Als ich mit dem Frühstück fertig bin – leider kein Obst und kein Joghurt- mache ich mich auf den Weg. Ich habe die Regenhose aus Gummi übergezogen und den Regencape umgehängt. Es regnet in Strömen. Ich gehe auf der Strasse weiter, werde ab zu von den vorbeifahrenden Autos nassgespritzt, aber nass bin ich ja schon von oben… es macht also nichts. Die Abzweigung rechts in den Wald muss ich wohl übersehen haben, will erst zurück, setze meinen Weg dann aber doch auf der Landstrasse fort. Einige Radfahrer- Jakobswegpilger, aber auch Rennfahrer kommen vorbei, trotz des Wetters.

Ein Mann sagt mir, ich soll ruhig auf der Strasse weitergehen, so komme ich nach Espinal und da sehe ich die gelben Pfeile, die nach links ins Gelände weisen. Und da sind auch Scharen von Leuten unterwegs, meist über 60, ohne Gepäck- die Glücklichen, und alle sprechen Französisch. Der Weg ist zuerst wirklich schön, so viel Grün links und rechts, aber dann geht es los. Wir versinken im Schlamm, Hilfe! An einem Acker entlang rutschen wir, treten manchmal bis zum Knöchel in die weiche, braune, glitschige Masse, jemand hat schon aus Verzweiflung die Sportschuhe ausgezogen und auf einem Baumstumpf abgelegt und zurückgelassen… Der Regen wird sie mit der Zeit schon waschen… Vor mir fällt eine der älteren Damen- klar denke ich, sie hat ja auch nur einen Wanderstock und ich habe zwei, aber der Anflug von Überlegenheitsgefühl  wird gleich bestraft, an einem steileren Stück komme ich selbst ins Gleiten und dann Platsch! Schon ist es passiert, ich liege längs in der Brühe, gut dass die Regenhose mich schützt, aber der Ärmel der Windjacke, der Rucksack, meine Hände, der Regencape, alles ist von der klebrigen Masse bedeckt, die ich nur mit Mühe wenigstens an einem Baum von den Händen reiben kann, um die Stöcke wieder nehmen zu können. Mein Gott, wie soll das heute nur weiter gehen, ich habe doch erst wenige Kilometer hinter mir…

Aber es geht weiter. Hinter einem kleinen Pass wird der Weg steiniger, aber Schlammzonen sind nur noch ab und zu zu durchqueren. Ich denke an Xavier Naidoo und das Lied, das ich gerade mit den Deutschlernern im Unterricht gesungen habe, “ …dieser Weg wird ein weiter sein, steinig und schwer…” und wie ein Ohrwurm geht es mir eine Stunde lang nicht mehr aus dem Kopf.

Videos: http://video.google.de/videosearch?q=Dieser+Weg+-+Xavier+Naidoo&hl=de&sitesearch=#

Liedtext: http://www.clip2go.com/deutsch-spanisch/wl_Dieser+Weg+-+Xavier+Naidoo_372_0.htm)

In einem Ort raste ich am Frontón, der überdacht ist, drei Jungen stehen da, zwischen 6 und 10, sie sprechen Baskisch und nehmen keine Notiz von mir, der doch in nur 2 Metern Entfernung neben ihnen auf der Mauer sitzt. Und ich verstehe kein Wort.

Dann weiter bergauf bis zum Pass von Erro, dann lange bergab, zwei Stunden kein Haus, außer einer verlassenen Schenke und Herberge, einer “Venta”, die schon fast eingestürzt ist. Dann unten im Tal über eine alte Brücke, der Weg geht eigentlich diesseits der Brücke weiter, aber es gibt keinen Hinweis darauf. Hinter der Brücke ein Dorf, Zubiri, das ganz ausgestorben zu sein scheint, fast niemand auf der Strasse.

In der einzigen offenen Bar gibt es auch ein Mittagsmenü, aber der leicht angetrunkene Wirt sagt mir, es sei zu spät, 15.30 Uhr gebe es kein warmes Essen mehr, hier am Camino hätten sie die französischen Essenszeiten. Schliesslich bekomme ich dann doch noch eine Ensaladilla Rusa und ein Brötchen mit einem Omelette- die anderen Gäste werden aber weiterbedient und sind erst beim Hauptgericht, wie ich dann sehe. Im Ort gab es kein anderes Lokal, wie ich vorher gesehen hatte. Ich bin sauer und nehme mir vor, hier nicht zu übernachten, denn die Aussicht, da auch zu Abend essen zu müssen, begeistert mich wenig. 

Ich gehe also wieder zurück über die alte Brücke, die wirklich sehenwert ist. Am nächsten Tag gibt es einen Artikel im Diario de Navarra, der einen Besuch dieser Brücke empfiehlt. Sie heisst “Puente de la Rabia”: “Brücke der (Toll-)Wut”… Vorher hiess sie “Puente del Paraiso”, wie die Zeitung schreibt, aber das ist lange her…

Ich gehe also weiter, lange Zeit an einer riesigen Industrieanlage vorbei, die auch am Samstagnachmittag in Betrieb ist und deren Lärm auch noch einen Kilometer flussab zu hören ist. 

Aber an der  nächsten Brücke über den Fluss, diesmal nach Larrasoaña, steht die Telefonnummer von einem Hotel, sie haben auch noch ein Zimmer, es ist ein großes altes Haus, das man restauriert hat, wobei die alten Balken erhalten blieben. Und es ist so idyllisch gelegen, dass man den Eindruck von vorher, wieder im 21. Jahrhundert angekommen zu sein, schnell wieder vergisst. Überall hat man einen weiten Blick auf ein grünes Flusstal und man hört Kuhglocken statt Industrielärm.

Ich bin der erste Gast, der ankommt, aber andere haben schon ihre Koffer vorausgeschickt, die an der Treppe auf sie warten, und ich ergreife die Flucht, um mit den echten Pilgern im Dorf zu Abend zu essen.

In der ersten Kneipe hinter der Brücke sind schon alle Tische besetzt, aber der Wirt setzt mich mit zwei Franzosen zusammen an einen großen Tisch. Der eine ist ein junger stämmiger Mann, der gerade seinen Taxiführerschein in Bayona gemacht hat, der andere sagt ein halbe Stunde lang gar nichts.

Dann wird ein Paar aus Bayern zu uns gesetzt. Sie sind um die fünfzig und auch zu Fuß unterwegs, haben die Absicht, bis nach Santiago zu laufen und in Pilgerherbergen zu übernachten, obwohl sie nicht den Eindruck machen, das finanziell nötig zu haben.

Dann gehen die Franzosen und noch eine Gruppe von Bayern kommt, die mit dem Rad von Toulouse gekommen sind und in privaten Herbergen und Pensionen unterkommen wollen. Manchmal kann ich dem Gespräch der Bayern jetzt kaum folgen, ich hätte doch mal Bayerisch lernen sollen! Nach dem Abendessen gehe ich noch durch das Dorf, dessen Straßen, wie in den anderen Camino-Dörfern auch, gerade zu Fußgängerzonen  im historisierenden Stil umgebaut werden, mit einer Abflussrinne in der Mitte.

Aber es gibt nirgendwo einen Weg ins Internet, außer in einer privaten Herberge, aber der Computer dort ist für die Gäste reserviert.

In meinem Hotel gibt es eine Wi-fi-Zone, aber ohne eigenen Laptop ist nichts zu machen… Der Blog muss  warten.

Vor dem Einschlafen sehe ich noch die Bildbände von Navarra an, die im sehr schönen Aufenthaltsraum ausliegen und nehme mir vor, irgendwann einmal den Wald von Irati zu besuchen.

 

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