In der Tat schaffe ich es, schon um sieben Uhr in der Cafeteria unten zu frühstücken. Ich lese dabei die Regionalzeitung und finde einen Artikel und ein Foto über den Erdrutsch am Jakobsweg bei Villamayor. In dem Bericht wird den Pilgern vorgeworfen, die Absperrungsmaßnahmen der Polizei nicht beachtet zu haben. Um halb neun verlasse ich Los Arcos. Der Weg ist leicht und ich genieße es, dass es heute nicht regnet.
Zunächst bin ich ganz allein unterwegs, dann überholt mich eine junge Amerikanerin Mitte zwanzig, die in Villamayor übernachtet hat. Sie ist sehr groß, trägt sehr leichte Schuhe und geht unglaublich schnell. Mit meinen Ferseneinlagen kann ich heute auch schmerzfrei auftreten und mehr als eine Stunde lang kann ich mithalten.
Wir sprechen über Literatur, denn sie liest sehr viel, liebt Literatur über alles, und ich habe in den letzten Jahren auch sehr viel englischsprachige Literatur verschlungen. Sie meint, durch Filme und Bücher könne man kein wirkliches Bild eines Landes gewinnen. Die USA würden durch Hollywood den Ausländern nur als Zerrbild dargestellt, und andererseits hätten die US-Amerikaner auch kein realistisches Bild anderer Länder, weil nur acht Prozent ins Ausland reisen würden.
Sie kommt aus einer kleinen Stadt bei Boston und ist glücklich, dort zu leben. Wie bei E. aus Irland ist John Le Carré auch ein Lieblingsautor ihres Vaters, merkwürdig, da scheine ich der gleichen literarischen Generation anzugehören. Dann sprechen wir über Tom Wolfe und seinen Roman „I am Charlotte Simpson“ und seine Fähigkeit, nicht nur die Lebensphilosofie, sondern auch den Slang von jungen Studenten verschiedener sozialer Schichten an amerikanischen Hochschulen wiederzugeben – er hat sich dafür übrigens bei Soziolinguisten wissenschaftliche Unterstützung geholt.
El. meint, auch für sie sei das Verstehen anderer junger Leute aus Amerika ganz schwierig. Am Tag zuvor habe sie mit einer jungen Kalifornierin gesprochen und das Gefühl gehabt, mit ihr weniger gemeinsam zu haben als mit jemandem aus einem anderen Land. Die Kalifornierin sei aus einem anderen Staat, mit einem ganz anderem Klima, habe einen ganz anderen Akzent. Außerdem komme sie auch aus einer Millionenstadt wie LA und von einer riesigen Universität, ganz im Gegensatz zu ihr. Und eigentlich hätten sie sich fast nichts zu sagen gehabt.
Wir sprechen dann auch über Douglas Kennedy und seine Beschreibungen amerikanischer Kleinstädte, mit der öffentlichen Bibliothek als sozialem Zentrum, durch das die Fäden der sozialen Beziehungen im Ort verknüpft werden.
Ich empfehle ihr die neueren Romane „Winter in Madrid“ und „Moths„, weil sie Geschichte unterrichtet.
Später fragt sie mich, warum ich in Spanien lebe, und ich erzähle ihr von meinen Plänen aus der Zeit um 1970, später einmal nach Chile oder Argentinien zu gehen, weil mein Spanischlehrer in der Schulzeit in den sechziger Jahren so von diesen Ländern schwärmte, wo er früher eimal gelebt hatte. Deshalb sei ich nach Spanien gekommen, um mein Spanisch zu verbessern. Aber aus den Plänen mit Südamerika sei dann nichts geworden, weil Diktatoren wie Pinochet oder Videla dort die Macht übernommen hätten. Daraufhin erzählt sie, ihr Großvater habe Pinochet persönlich gekannt, da er Botschafter der Vereinigten Staaten gewesen sei. Ich reagiere darauf nur, indem ich kommentiere, das sei sicher eine schwierige Aufgabe gewesen. Ich habe Lust, sie zu fragen, ob sie den Film „Missing“ gesehen habe, tue es abe nicht. Ich verkneife es mir auch, über den französischen Freund aus der Studienzeit zu sprechen, der damals bei der französischen Botschaft in einem Nachbarland von Chile arbeitete und kurz nach dem Putsch einigen Verfolgten helfen konnte. Aber El. wird nach diesem Thema einsilbiger.
Wir gehen immer noch sehr schnell, ich wundere mich über die Leichtigkeit, mit der sie auch die steinigsten Strecken bewältigt und sie meint, das läge an ihrem Beruf. Sie unterrichtet auch Tanz und habe daher harte Fußsohlen, deshalb brauche sie nur ganz leichte Schuhe. Ja, sie scheint wirklich zu tänzeln, selbst über die Schlammzonen hinweg. Außerdem sei sie Läuferin: „I am a runner“ und auch darum gut trainiert. Ja, das Buch „Moths“, das ich ihr empfohlen habe, dürfte ihr wirklich gut gefallen, da die Hauptperson ein „Runner“ ist.
Es geht jetzt bergauf und bergab, wir werden aber nicht langsamer. Wir überholen Dutzende von anderen Wanderern, die auch früh aufgestanden sind, von denen sie einige vom Vortag kennt und kurz begrüßt. Andere fragt sie mit amerikanischer Unbekümmertheit nach dem Heimatland und ist davon fasziniert, aus wie viel verschiedenen Gegenden der Welt die Wanderer – oder sind es Pilger? – heute kommen.
Wir hasten an einer Kirche vorbei, die auf einem Hügel liegt, aber sie möchte keine Pause machen, um sie zu besichtigen. Im nächsten Ort ist aber eine Kirche nach Art der Templerkirchen wie in Eunate, die bei meinem ersten Jakobsweg auf dieser Route verschlossen war. Und dieses Mal ist sie geöffnet. Da kann ich wirklich nicht vorbeigehen. Doch El. will auch hier keine Pause machen.
Ich bleibe stehen, verabschiede mich mit „Buen Camino!“ und sehe die Kirche an, es lohnt sich. Aber es tut mir sehr Leid, nicht weiter mit El. reden zu können, sie war einer der interessantesten Gesprächspartner bei diesem Jakobsweg.
El. erinnert mich durch ihren raschen Verstand an Elizabeth Best, eine junge Australierin, mit der ich beim letzten Jakobsweg einige Stunden zusammen gewandert war. Sie hatte schon ein Buch geschrieben und es mit erst 24 Jahren mit einigem Erfolg in ihrem Heimatland und dann in anderen Ländern veröffentlicht. Es beschreibt ihren Weg aus der Magersucht, der Anorexie: Eli’s Wings
Eli’s Wings is an autobiographical account that will at once break your heart and fill it with hope.
At just twenty-four, Eli writes about her life with an insight far beyond her years, and in a way that will reach inside the hearts of people everywhere.
A dramatic, triumphant and ultimately uplifting story of one young woman’s unbreakable passion for life.
http://www.theyearweseizedtheday.net/eli.html
Elizabeth Best wollte damals das nächste Buch schreiben, zusammen mit einem anderen Autor, und machte deshalb den Jakobsweg. Aber zwei Autoren wandern anscheinend besser getrennt, wenn sie über die Wanderung ein Buch schreiben wollen, und so waren sie getrennt unterwegs, wie an dem Tag, als ich Elisabeth kennen lernte.
Das gemeinsame Buch über den Jakobsweg ist übrigens auch schon erschienen, wie ich gerade im Internet herausgefunden habe: The Year We Seized The Day
http://www.theyearweseizedtheday.net/theauthors.html
Nach der Besichtigung der Templerkirche bin ich immer noch durchgeschwitzt, trotz der Kühle. Doch ich versuche, den Rhytmus von vorher beizubehalten. Doch bald wird der Weg steiniger, führt an der Landstraße vorbei immer wieder talabwärts und talaufwärts, während die Landstraße ungefähr auf gleicher Höhe bleibt. Daher entscheide ich mich für die Landstraße, denn nur ungefähr alle zehn Minuten kommt ein Auto vorbei. Liegt es an der parallelen Autobahn oder immer noch am Lastwagenstreik? In diesem Fall sei er gesegnet!
Auf der Landstraße gehe ich allein, sehe die anderen Wanderer nur von weitem. Aber nach einiger Zeit holt mich ein ein Mann in kurzer Radlerhose, ärmellosem weißem Turnhemd und Sandalen ein. A. ist Italiener, in Florenz geboren. Er arbeitet als Sportlehrer, ist Spezialist für asiatische Gymnastik und Kampfsportarten. Sein Sohn wird im Sommer einen dreimonatigen Sprachkurs in Berlin besuchen, er selbst spricht nur Italienisch. Wieder ist Berlusconi ein Thema und auch andere Politiker, die eher Staatsschauspieler sind oder waren. A. ist sehr humorvoll, wir sprechen Spanisch und Italienisch durcheinander, schwieriger wird es mit der Verständigung aber bei der politischen Philosofie.
Die politische Idealfigur für A. ist Rosa Luxemburg, die Pazifistin. “Ich liebe Rosa Luxemburg“, wiederholt er auf Italienisch. Die Gegenfigur ist für ihn Lenin, der Agent der Deutschen, wie A. sagt. Er nennt die Namen anderer politischer Vorbilder, die ich nicht kenne, spricht über Chiapas in Mexiko. Er äußert, die Linke solle sich nicht an der Macht beteiligen, sondern nur die „Rechte des Volkes“ verteidigen.
Ich widerspreche ihm nicht, die Verständigung ist zu schwierig. Meint er wirklich, man solle einem Mann wie Berlusconi einfach kampflos die Macht überlassen? Das kann wohl mit einem bösen Erwachen enden, denke ich. Aber ich beginne zu verstehen, warum so viele italienische Linke anscheinend nicht zu den Wahlurnen gegangen sind.
A. möchte dann doch weiter auf dem Wanderweg gehen und ich weiter auf der Landstraße, unsere Wege trennen sich.
Einige Zeit später überhole ich drei ältere Deutsche, einen Mann und zwei Frauen, aus Plauen im Vogtland, „aus dem Osten“, wie sie sagen. Das schlechte Wetter der letzten Tage hat ihnen zugesetzt. Sie sind ganz froh, am nächsten Tag von Logroño aus die Heimreise anzutreten, der Jakobsweg im Schlamm war doch sehr anstrengend für sie.
Am Mittag im Restaurant sitzen sie am Tisch hinter mir. Sie folgen dem Programm, das tonlos im Fernsehen läuft und bei dem ein Fernsehkoch neue Gerichte vorführt. Sie kommentieren die Zubereitung, die sie interessant zu finden scheinen, auch ohne Ton. Als ich mich umdrehe und sage: „Hallo, ich glaube, ich kenne Sie. Sind Sie nicht aus Plauen?“ erschrickt der Mann. Ich wundere mich und denke spontan an alte Ängste vor der Stasi als Grund für diese Reaktion. Könnte es wirklich daran gelegen haben?
Wir unterhalten uns dann einen Moment lang. Sie wohnen in einer Pension über dem Restaurant. Aber auch später grüßen wir uns am Nachmittag immer nur flüchtig.
Ich selbst habe in Viana das erste Hotel genommen, das in Sicht kam. Es hatte kostenloses Internet am Eingang. Der Zimmerpreis ist höher als in den vorigen, aber ich bin zu erschöpft, um weiter zu suchen und meine Füße schmerzen sehr.
Im Zimmer bin ich dann ein wenig verärgert, dieses Hotel gewählt zu haben. Ich schaffe es nämlich nicht, die laute Klimaanlage abzustellen. Die Dame an der Rezeption kann mir auch nicht weiterhelfen.
Als ich dusche, stelle ich fest, dass bei dem Auf und Ab heute je einer von meinen blauen Fußnägeln pro Fuß begonnen haben, sich abzulösen und zu bluten, was mir beim ersten Jakobsweg erst nach der Rückkehr nach Haus passiert war. Die Wunde der offenen Blase unter einer großen Zehe hat sich auch noch nicht geschlossen, die Fersen schmerzen trotz der Fersenkissen, die ich gestern erworben habe. Wahrscheinlich haben die auch dazu beigetragen, dass der Druck auf den Zehen beim Bergabgehen zugenommen hat und deshalb die Nägel in Gefahr kamen. ich bedaure es wieder, bei der Abreise zu Haus die Einlagen mit der Erhöhung in der Mitte des Fußes vergessen zu haben, die den Fuß vorne und hinten entlasten. Das passiert mir nicht noch einmal!
Resüme: Ich kann also wirklich nicht mehr all zu weit laufen.
Dann gehe ich aus dem Hotel, um eine Apotheke zu suchen. Auf dem Vorplatz der großen Kirche sehe ich die drei Frauen aus Ponferrada wieder, die mich fragen, warum ich etwas unsicher gehe. Sie sind Krankenschwestern von Beruf, wie sie dann sagen und sie schenken mir einen Verbandstyp, der die Zehen schützt und mehrere Tage auf offenen Wunden verbleiben kann. Damit werde ich am nächsten Tag problemlos nach Logroño gelangen.
Nun versuche ich Siesta zu halten, gebe es aber bald auf, weil mich der Krach der Klimaanlage nicht einschlafen lässt. Mit zwei Tageszeitungen setze ich mich dann an die Hauptfußgängerstraße von Viana, und der Ort beginnt, mir wieder besser zu gefallen. Ich beobachte die Mütter mit ihren Kindern auf dem Weg nach Haus. Einmal kommt eine vorbei, die ein Baby im Wagen hat, und drei der an den Tischen sitzenden Männer stehen auf, um in den Wagen hineinzusehen. Zuerst denke ich, was für nicht-machistische Männer, die haben ja derart viel Interesse an Babys wie sonst nur Frauen. Später frage ich mich dann, ob sie vielleicht auf diese Weise feststellen wollten, wer von ihnen der Vater ist. Das könnte ja auch ein guter Grund gewesen sein!
Dann esse ich im gleichen Lokal wie am Mittag. An einem Tisch sitzen die drei Frauen aus Ponferrada, die mich erwartungsvoll ansehen und fragen, wie es jetzt um meine Füße steht. Ich bedanke mich noch einmal und sage ihnen, dass es mir viel besser geht, obwohl ich die neuen Pflaster erst morgen auflegen will. Dann setze ich mich aber nicht zu ihnen, sondern zu zwei älteren Damen aus Frankreich.
Am Nachmittag hatte ich sie auf der Straße getroffen und sie hatten mir erzählt, dass sie morgen mit dem Zug nach Frankreich fahren wollten. Vor dem Abendessen hatte ich dann noch für sie – und auch für mich nach Madrid - im Internet Zugverbindungen gesucht und will sie ihnen jetzt zeigen.
Eine von ihnen ist die Frau, die ich am Vortag aus dem Schlamm gezogen habe.
Ich erzähle, dass ich am Mittag im Hotel einen Bericht im lokalen Fernsehen „Tierra de Estella“ gesehen habe, der die Folgen des Unwetters in Villamayor zeigte. Interessant daran war, dass von den Bauern über dem Wanderweg in der Zone des Erdrutsches ein großer künstlicher Teich angelegt worden war, gesichert nur mit einer Plastikplane über Erddämmen, und dass die Bauern die ganze Zeit befürchtet hatten, dass der kleine Stausee schlagartig überlaufen würde und die Seitendämme einbrechen könnten. Das hätte die Pilger auf dem Weg unterhalb in Gefahr gebracht und vielleicht sogar die Autofahrer auf der Autobahn auf der anderen Talseite, wie ein Bauer meint.
Wirklich bemerkenswert, dass dennoch im Moment der Gefahr niemand uns Wanderer davor gewarnt hat!
A.-M., . scherzt, sie werde mich als ihren „Retter“ für die Medaille der französischen Jakobsweggesellschaft vorschlagen. Ich bitte sie, nicht zu übertreiben und wir reden über die neue Lebensqualität in Paris, seitdem es das Fahrradverleihsystem gibt, das sie oft nutzen.
Die beiden sind Frührentnerinnen wider eigenen Willen. Sie waren früher bei einer Fluggesellschaft beschäftigt, die sie zur Aufgabe ihrer Stellen mehr oder weniger gezwungen hat.
Sie empfehlen mir den französischen Jakobsweg. Als ich vorsichtig frage, ob es da auch Pensionen oder ähnliche Unterkünfte gebe, versprechen sie, mir eine Liste von getesteten Privatunterkünften zu senden, die die französische Vereinigung zusammen gestellt habe. Ich harre der Dinge!
Wir verabschieden uns und ich gehe ziemlich früh ins Bett. Die Dame vom Spätdienst an der Hotelrezeption hat es jetzt auch geschafft, die Klimaanlage auszuschalten und ich kann ruhig schlafen.
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Los Arcos -Viana
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Pilgerin
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Kirche im Templer-Stil
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Kirche im Templer-Stil
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Kirche im Templer-Stil
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Kirche im Templer-Stil
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Pilger
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Pilger
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Viana