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6.6.2008

Heute habe ich zum dritten Mal einen Jakobsweg begonnen, dieses Mal in Roncesvalles in Spanien.

Der erste war

von Madrid (!) nach Santiago

- ja da gibt es auch einen Jakobsweg und der hat ab Stadtgrenze von Madrid auch gelbe Pfeile- genauer gesagt, schon vom großen Platz beim Bahnhof Chamartin, „Plaza de Castilla“,  aus. Genaueres findet man hier im Blog an anderer Stelle und auf der Webseite der Madrider Jakobswegvereinigung http://www.demadridalcamino.org/ . Auf Englisch auch: http://www.csj.org.uk/route-madrid.htm

(und eine Planung in Wochenendetappen Madrid-Santiago mit Anreisemöglichkeiten für die Etappen auf einer Seite hier in diesem Blog)

und der zweite von St. Jean Pied de Port in Frankreich aus.

Aber dieses Mal habe ich vorher nicht zu Fuss trainiert, bin in der letzten Zeit fast nur noch Rad gefahren- und das Wetter schien auf der Nordseite der Pyrenäen heute auch recht schlecht zu sein.

Und deshalb dann ein bescheideneres Ausgangsziel: Roncesvalles auf der spanischen Seite der Pyrenäen.

Von Madrid- oder besser gesagt von Villalba aus- habe ich um 10.30 den Intercity nach Vitoria genommen, bin dort in einen Regionalexpress nach Pamplona umgestiegen und war um 17.00 Uhr, eine Stunde vor Abfahrt des täglichen Busses nach Roncesvalles, am Busbahnhof in Pamplona. Da warteten schon ungefähr 25 Rucksackträger auf die Abfahrt- und ein Mountainbikebesitzer mit vielen Packtaschen am Rad- der Bus nimmt jetzt auch Fahrräder mit. (Mehr zu Zugverbindungen und Fahrradmitnahme auf der Seite Zug in Spanien an anderer Stelle auf diesem Blog)

Beim Einsteigen spreche ich mit einer Gruppe von Französinnen, die nach 10 Tagen von Arcachon aus heute den Rückweg antreten und noch jemand suchen, der mit ihnen die Kosten für das Gruppentaxi von Roncesvalles nach St. Jean Pied de Port teilen will. Aber ich habe schon ein Zimmer in Burguete reserviert und will meine Pläne dann doch nicht mehr ändern.

Der Bus fährt die kurvenreiche Strecke im Regen nach oben, aber das Wetter wird mit zunehmender Höhe langsam besser, die ersten blauen Stellen im schwarzen Himmel werden sichtbar. In Roncesvalles verabschiede ich mich von der französischen Gruppe, ihr Urlaub ist zu Ende, aber im nächsten Jahr wollen sie den Weg weiter gehen.

Im Pilgerbüro bekomme ich den Pilgerausweis- ich brauche ihn zwar nicht für die Pilgerherbergen, da ich den weniger betuchten Pilgern nicht den Platz in den immer überfüllten kostenlosen oder fast kostenlosen Unterkünften wegnehmen möchte- aber Stempel will ich doch sammeln, um am Ende in Santiago noch eine der schönen lateinischen Urkunden zu bekommen., die „Compostela“…

Dann ein Besuch in der dunklen Klosterkirche- acht Minuten Beleuchtung kosten einen Euro- die dann hell wird, während ein Priester irgendwo in einer Kirchenbank beginnt, laut Ave Marias  zu beten, wohl zur Vorbereitung der Pilgermesse, die um acht anfangen soll.

Ich bleibe noch einen Moment, fühle mich dann doch durch das laute Gebet gestört und gehe raus, mache noch ein Foto einer alten kleinen Kirche draussen und verlasse dann diesen Pilgerort, der mir zu sehr auf Pilger hin angelegt ist, es gibt ausser den Klostergebäuden, einigen Restaurants mit Gästezimmern und der Pilgerherberge in einer alten Kapelle sonst wirklich nichts.

 

Auf einem wunderschönen Waldweg  gehe ich die drei Kilometer nach Burguete, bekomme mein Zimmer im komfortablen, aber preiswerten Hotel Loizu, in dem Hemingway einzukehren pflegte, esse zu Abend, leider allein am Tisch, wie es in Spanien zu meinem Leidwesen in Restaurants überall üblich ist – und daran habe ich mich nach 30 Jahren hier immer noch nicht gewöhnt. Da hätte ich wohl den „Vertrag für Einwanderer“, den die konservativen Politiker bei den letzten Wahlen auch hier vorgeschlagen haben – „Spanische Sitten und Gebräuche akzeptieren“- eigentlich nicht erfüllt… Das wäre mir in der Pilgerherberge nicht passiert, da hätte ich eine Gruppe gefunden, mit der ich dort oder in einem Restaurant gemeinsam gegessen hätte…

Beim Abendessen sind wenige Pilger im Saal des Hotel-Restaurants, aber dafür einige Paare junger Eltern mit vier-sechsjährigen Kindern, die nicht müde zu werden scheinen, obwohl es schon nach 10 war. Ich bin dann in den Salon im ersten Stock an den Laptop gegangen, wo man kostenlos ins Internet kommt, habe den Blog eröffnet und zu schreiben begonnen. Nach kurzer Zeit kam eine Invasion: die Eltern sind auf die Ideee gekommen, einen Film für die Kinder am Fernseher abzuspielen. Jetzt höre ich den Filmton all zu laut hinter mir. Die Kinder hat der Film auch einige Zeit gefesselt, aber jetzt laufen sie wieder durchs ganze Haus, keine Eltern in Sicht- oder Hörweite, sicher nicht mehr lange. Es ist 23.20 Uhr, sie müssen immer noch nicht ins Bett. Beneidenswerte Freiheit für Kinder oder Vernachlässigung? Aber so bin ich nicht allein in diesem Raum, muss auch ab und zu über die Bemerkungen und Reaktionen der Kinder lachen.

Jetzt bin ich müder als sie. Muss schlafen gehen, Frühstück gibt es ab acht Uhr, das ist spät für Sommerpilger, aber ich brauche ja nicht schon am Mittag in der nächsten Herberge zu sein, um noch einen Platz zu ergattern und heiß wird es morgen sicher auch nicht. Also Schluss für heute!

Und bis bald!

Zur zweiten Etappe

Es ist Sonntag, 06.45 Uhr. Ich habe es geschafft, um Viertel nach sechs aufzustehen, obwohl ich erst spät eingeschlafen war. Ohne Frühstück, das Buffet gibt es im Hotel sonntags erst ab acht Uhr, mache ich mich auf den Weg. Im Ort sind schon einige Cafes geöffnet, aber leer.  Bin ich der erste oder der letzte, der losgeht? Ich beschließe, erst in Azofra, dem nächsten Ort zu frühstücken.

Es regnet nicht, aber es ist bewölkt und kühl, wieder ein idealer Wandertag. Auf den ersten Kilometern begegne ich niemandem außer einem Spaziergänger mit Hund, der schon zurückkehrt. Der Weg führt durch Weinberge, die Landschaft ist offen, der Regen vom Vortag hat das trockene Gras am Wegrand zum Duften gebracht. Ich beginne leise zu singen wie vor Jahren auf dem ersten Weg früh am Morgen in den langen flachen Strecken in Kastilien. Jetzt auch im Juli noch morgens allein auf weiter Flur zu sein, überrascht mich und freut mich. Morgens um diese Zeit bin ich noch nicht gespächig und genieße deshalb das Alleingehen.

Bald komme ich nach Azofra, wo ich letztes Mal vor vier Jahren bei Roland aus Köln in einer privaten Herberge übernachtet hatte. Es war ein schöner Abend gewesen. Roland hatte uns alle zu Wein, Jamon Serrano, dem luftgetrockneten spanischem Schinken und La Mancha – Käse eingeladen und von seinen vielen Jakobswegen erzählt. Irgendwann war er in diesem kleinen Ort hängengeblieben und hatte diese Herberge eröffnet.

Aber nun ist er nicht mehr da, wie ich ich schon vor der Etappe in einem anderen Blog gelesen hatte. An der Haustür steht noch „Roland- Köln“, aber im Restaurant gegenüber weiß auch die sehr freundliche Wirtin nicht, wo Roland jetzt ist. Im Ort ist inzwischen eine moderne städtische Herberge mit 60 Betten in Einzelzimmern entstanden, Roland dürfte auch schon deshalb nur noch wenige Gäste gehabt haben.     

Im Restaurant frühstücken gerade viele Wanderer. Unter ihnen sind nur wenige, die ich schon am Vortag getroffen hatte, wie der Italiener, der kaum noch gehen konnte.  Die meisten Gesichter sind mir neu. 

Mein Bus zum Zug in Burgos fährt in Santo Domingo um 11.45 ab. Ich muss mich sputen, um ihn noch zu erreichen. Das Frühstück hat länger gedauert hat als geplant. Ich gehe jetzt noch schneller als gewohnt, überhole eine Gruppe nach der anderen. Einige Wegstellen sind vom Schlamm bedeckt, aber meist ist der Grund trocken.

Ich hole eine Dreiergruppe ein, ein Pärchen und eine Frau, die vor den anderen beiden hergeht und dann mit mir weitergeht. Sie hat kurzgeschnittenes Haar, ist schon älter, aber sehr sportlich.  Jede Woche fährt sie in beim abendlichen Rollschuh-Lauf im Pulk in Barcelona mit. Demnächst will sie nach Berlin zum Marathon, weil dabei auch eine Variante für Skater  vorgesehen sei.

Sie ist seit Roncesvalles unterwegs, kennt viele der Leute, die wir überholen und entschuldigt sich bei ihnen, dass sie mit mir jetzt schneller geht, weil ich zum Bus will.

Irgendwann will sie es dann doch langsamer angehen und bleibt zurück. Es hat angefangen zu regnen. Der Regen ist leicht, ich will jetzt streckenweise laufen und ziehe nicht das Cape über.  Und dann lege ich auf den kurzen Strecken bergab jeweils Laufschritt ein, trotz des Rucksacks, der Wanderstöcke und Wanderstiefel.   

Und ich fühle mich stark und ein wenig glücklich, sechs Wochen vor dem sechzigsten Geburtstag jetzt hier im Regen laufen zu können. Im Juni hatte ich den Eindruck gehabt, dass der Grund für meine körperliche Schwäche im Vergleich zum Jakobsweg vier Jahre früher mein zunehmendes Alter war.  Jetzt weiß ich, es war nur das fehlende Training.    

Beim Laufen entdecke ich, wie viele Pilger heute unterwegs sind. Die Reihe vor mir ist ununterbrochen. Viele scheinen den Kopf zu schütteln über den Verrückten, der da im Regen an ihnen vorbei rennt.   Wenn man nach Santiago will, läuft man nicht, sondern man geht. Aber ich habe nur noch 30 Minuten bis zur Abfahrt des Busses, als Santo Domingo in der Ferne in Sicht kommt.   

Nun gehe ich wieder langsamer, als mich ein Wanderer im Regencape ganz freundlich begrüßt. Er trägt Sandalen an nackten Füßen, aber ein Regencape und spricht sehr gut Spanisch, fast ohne ausländischen Akzent.  Leo, so stellt er sich vor, kommt aus Moldawien und ist  Spanischlehrer  von Beruf. Ich habe zuerst einige Mühe, Moldawien auf der Landkarte zu situieren, weiß fast nichts über die Geschichte dieses Landes.   

Leo gibt mir einen Schnellkurs. In Moldawien spricht man Rumänisch – einen moldauischen Dialekt und Russisch. Moldawien hatte vor dem zweiten Weltkrieg zu Rumänien gehört, das in den dreißiger Jahren mit Hitlerdeutschland sympathisiert hatte.  Dann war Moldawien beim Hitler-Stalin-Pakt zugunsten der Sowjetunion abgetrennt worden.

Rumänien hatte aber dann im Krieg gegen die Sowjetunion auf der Seite Hitlers teilgenommen, das Gebiet von Moldawien zunächst wiederbekommen, dann aber am Ende des Krieges wieder an die Sowjetunion verloren.

Leos Vater war im Krieg rumänischer Offizier  gewesen und hatte dann ein Jahr in harter russischer Kriegsgefangenschaft verbracht. Ich denke an meinen Vater, der im Verlauf des Krieges nach Aufenthalten in vielen anderen Ländern, wie etwa Frankreich, auch in Ungarn und Rumänien deutscher Soldat in einem Panzer-Ersatzteil-Lager hinter der Front gewesen war, sage es aber nicht.

Wir sprechen über russische Lager, ich erzähle von den Beschreibungen eines russischen Gulags im Roman „Moths“ von Karl Manders, den ich gerade gelesen habe und der mich sehr bewegt hat.

Leo erzählt vom Schulunterricht in Geschichte während der sowjetischen Zeit, bei dem die Unabhängigkeit Moldawiens von Rumänien immer als positiv hingestellt wurde.

Nach dem Ende der Sowjetunion wurde Moldawien ein unabhängiger Staat, blieb aber wirtschaftlich von Russland abhängig. In der Sowjetzeit hatte es seinen Wein, das Haupexportgut, nach Russland exportiert und einen für die Sowjetunioon relativ hohen Lebensstandard. Nun gab es Bestrebungen, sich wieder Rumänien anzuschließen und darufhin waren die Grenzen für den Weinexport nach Russland geschlossen worden. 

Ein Teil des Landes mit einem hohen Anteil von Russen in der Bevölkerung will sich von Moldawien abspalten. Die Mehrheit der Gesamt-Bevölkerung träumt aber heute wohl von einem Beitritt zur EU, aber das bleibt in der Politik umstritten.

Leo spricht so gut Spanisch, weil er in Kuba gewesen ist. Seine Füße tun weh sagt er, denn er hatte keine Wanderschuhe mitgebracht, sondern nur Sportschuhe und Sandalen. In Santo Domingo will er neue Schuhe kaufen.

Am Ortseingang verzweigen sich unsere Wege und wir verabschieden uns, ich wünsche ihm Glück und guten Weg, auch für sein Land auf dem Weg nach Europa. 

Jetzt sind es nur noch zehn Minuten bis zur Abfahrtszeit und ich will direkt zur Haltestelle. Plötzlich fährt ein Bus der Firma, mit der ich hieher gekommen war, in Richtung Burgos an mir vobei und biegt dann links ab. Ich gerate in Panik. Sollte ich es doch nicht geschafft haben, trotz des Laufschritts? Ich frage eine Passantin noch mal nach dem Weg zur Haltestelle, bevor ich dem Bus im Laufen folge. „Nein, die Haltestelle ist geradeaus, nur drei Minuten von hier“, sagt sie mir und ich laufe wieder, diesmal  auf der Hauptstraße des Ortes, an den verdutzten Sonntagspaziergängern vorbei.  Dann sehe ich die Haltestelle, eine kleine Glashalle, wo ein halbes Dutzend Fahrgäste wartet. Der Bus ist noch nicht da, vielleicht trinkt der Fahrer noch irgendwo Kaffee, freue ich mich.

Ich lege meine durchnässte Kleidung ab, schiebe meine Wanderstöcke zusammen  und mustere die anderen Reisenden. Rechts zwei Männer um die vierzig Jahre, in Wanderkleidung der gediegeneren Art, die Spanisch sprechen. Sie  wandern auch nur an den Wochenenden. Der eine plant, irgendwann auch seine kleine Tochter auf dem Jakobsweg mitzunehmen.

Links sitzen ein junger Mann und ein älteres Paar auf zwei verschiedenen Bänken und unterhalten sich auf Englisch. Der Mann des Paares ist über sechzig, sie um die vierzig. Er hat eine wunderschöne blanke Glatze und erinnert mich an Norman Forster, den Architekten. Sie hat eine elegante Strubbelfrisur fürs Schwimmbad und trägt ein schönes geblümtes Sommerkleid. Sie haben kleine Tagesrucksäcke dabei, wohl Bustouristen. Ihr Akzent ist stark kalifornisch, seinen kann ich nicht lokalisieren. 

Der junge Mann auf der anderen Bank trägt dunkelgrüne Safarikleidung, eine Jagdweste, mehrere kleinere längliche Taschen außer seinem großen Rucksack und auch noch eine größere Kameratasche. Er erzählt von Pamplona, vom “Encierro“, dem morgendlichen Lauf der jungen Leute vor  den Stierkampfbullen, die während der „Fiesta de San Fermin“ jeden Tag um acht Uhr morgens durch die Straßen der Stadt laufen.

Und jetzt fällt mein Blick auf sein rundliches Gesicht, den braunrötlichen Vollbart. Ein Amerikaner oder Engländer, der wie Hemingway aussieht und dazu noch in Pamplona war, kaum zu glauben!

Dann kommt der Bus und wir steigen ein. Ich sitze einige Reihen hinter den dreien, höre aber ab und zu Gesprächsfetzen. „Hemingway“ erzählt ausgiebig von seinen früheren Militäreinsätzen in Ex-Jugoslawien und anderswo und dass er sich jetzt zu den „Special-Forces“ gemeldet habe. Und „Forster“ kommentiert, dann sei das Wandern auf dem Jakobsweg ja jetzt sicher eine gute körperliche Vorbereitung für den nächsten Einsatz für ihn gewesen. Er scheint viel vom Thema zu verstehen, vielleicht ist er ein Militär im Ruhestand.

Wir überholen immer wieder Wanderer auf dem Jakobsweg und „Hemingway“ spricht jetzt von der Parallelwelt zur profaneren Wirklichkeit der Auto- und Lastwagenfahrer, in der man als Jakobspilger lebt.

Auf der anderen Seite des Ganges neben mir sitzt ein junges Mädchen mit einem Hütchen und sehr sehr blauen Augen. Sie ist extrem dünn und hat ihre Beine unter sich auf dem Sitz. Sie scheint gerade 18 geworden zu sein.

Der Bus fährt durch viele Kurven. Ich entdecke erst jetzt, dass es Sicherheitsgurte gibt und mache meine Nachbarin auch daruf aufmerksam.

Eigentlich sollte man hier wie im Flugzeug direkt nach dem Einsteigen auf die Gurte hinweisen. Hier im Bus sind sie bei einem Unfall mit Überschlag oder bei einem eventuellen Zusammenstoß mit einem der Lastwagen, die uns hier entgegenkommen, sicher noch viel nützlicher als bei einem Flugzeugabsturz! Aber das könnte wohl die Busfahrgäste vergraulen…

Meine Nachbarin fragt mich auf Französisch, wie sie in Burgos einen Arzt für ihren schmerzenden Rücken finden kann. Sie hat es schon in Santo Domingo versucht, aber man hat ihr nur Schmerztabletten verschrieben. Sie meint, mit ein paar geschickten Handgriffen könne man ihren Rücken schnell wieder in Ordnung bringen. Vielleicht hat sie recht.

Ich empfehle ihr, in Burgos direkt in ein großes öffentliches Krankenhaus zu gehen, möglichst an einem Werktag, weil in Spanien dort die besten Fachärzte angestellt sind. Sie glaubt, nach zwei Tagen Pause dann wieder auf dem Jakobsweg weiter gehen zu können, nicht nur nach Santiago, sondern bis nach Finisterre, wie sie sagt. Ich mache ihr Mut.

Beim Aussteigen in Burgos biete ich ihr Hilfe beim Rucksacktragen an, aber sie lehnt ab, sie schaffe das schon allein, meint sie.

Ich gehe, aber dann denke ich, ich hätte es vielleicht mehrere Male sagen müssen und habe ein schlechtes Gewissen. Aber da bin ich schon auf dem Weg zum Bahnhof.

Am Bahnhof steht eine lange Schlange am einzigen  geöffneten Schalter. Dort werden auch Auslandsfahrkarten nach Frankreich verkauft und ein Kunde kann sich nicht für einen Reisetag und einen Zug mit Umsteigen entscheiden, ohne mehrfach Rücksprache mit seiner ganzen Familie zu halten. Der Beamte am zweiten Schalter darf anscheinend nur informieren, nicht verkaufen.

Nach 40 Minuten bin ich an der Reihe und sehe dann, dass ich noch 50 Minuten Zeit für ein Mittagessen habe, nachdem ich mich in der Toilette gewaschen habe und ein frisches Hemd und saubere Socken angezogen habe. Im Eilschritt gehe ich zur Stadtmitte, finde ein leckeres Menü in einer Art Restaurantzelt auf einem Platz an der Kathedrale.

Das Restaurant hat glücklicherweise sehr viel Personal, meist Immigranten. Man bedient mich ungeheuer flink. Das Menü ist nicht sehr billig, doch ausgezeichnet. Ich bekomme auch zum großen Bier ohne Aufpreis auch noch eine Anderhalbliter-Flasche Mineralwasser. Man weiß hier eben, was Pilger brauchen! Die Gerichte sind zwar “Slow Food“- es schmeckt köstlich – aber ich esse sehr schnell, zahle noch schneller und bin dann drei Minuten vor der Abfahrt wieder am Bahnhof.

Doch der Zug hat 10 Minuten Verspätung und ich kann in Ruhe einsteigen.

(Fortsetzung folgt)

Es ist Samstag, 8.30 Uhr. Die Straßen im Stadtzentrum sind noch leer. Auf der langen Ausfallstraße komme ich auch an einem noch geschlosssen Internetcafé – „Locutorio con Internet“ – mit Telefonkabinen und Internet – vorbei, die in Madrid wegen der vielen Immigranten so zahlreich sind. Deshalb hatte ich mich am Vortag gewundert, hier im Stadtzentrum keins zu finden. Aber das Zenrum ist hier wohl kein Wohnviertel für Einwanderer. 

Dann führt der Jakobsweg durch einen langezogenen Park zwischen Neubauvierteln. Vor Jahren waren hier noch Schutthalden, wie in meinem alten spanischen Führer steht.  Jetzt ist es grün, der Weg ist betoniert. Unmengen von Spaziergängern, Läufern, Radfahrern, Kinder sind hier heute unterwegs, stadtauswärts oder sie kommen schon zurück in die Stadt. Die Bewohner von Logroño scheinen Frühaufsteher zu sein.

Dann komme ich durch ein Erholungsgebiet mit Stadtwald und See. Am Ufer viele Angler. Und ich habe nicht mehr das Gefühl, zu viel schon zu kennen, wie ich am Vorabend befürchtet hatte. Im Licht des Morgens sehe ich doch das meiste anders als beim letzten Mal vor vier Jahren an einem heißen Sommerabend. Heute ist es bewölkt, ein Thermometer in der Stadt zeigte 19 Grad, ideales Wanderwetter.

Etwas später überhole ich einen sehr jungen, blonden Schweizer. Er hat gerade Abitur gemacht und ist seit zwei Monaten unterwegs. Mitte Mai ist er in Luzern in der Schweiz losgegangen. Das Wetter sei zunächst noch sehr winterlich gewesen, erzählt er mit schweizerischem Akzent. Bisher ist er auf dem ganzen Weg nur acht Wanderern  begegnet, die auch wie er in der Schweiz losgegangen sind.

Er überlegt, was er studieren will, möchte gern etwas Naturwissenschaftliches wie Physik mit Philosophie oder einer Philologie kombinieren.

Er interessiert sich sehr für Literatur, hat für sein Alter schon sehr viel gelesen, von Kafka über Thomas Bernhard bis zu Thomas Mann. Thomas Bernhard fasziniert ihn am meisten. Mit „Frost“ wusste er zunächst nichts anzufangen, aber dann hatte es ihn gepackt. Ich erzähle ihm von meiner Salzburg-Phobie, die wohl mit der Lektüre von Thomas Bernhards Jugenderinnerungen zusammenhängt.

Wir kommen durch kilometerlange Weinberge. Er findet es schade, dass wir auf dem Jakobsweg nicht an den neuen Gebäuden der großen Rioja-Weinkellereien vorbeigehen, die von internationalen Stararchitekten wie Frank Gehry gebaut worden sind. Sein Vater ist nämlich Weinjournalist.

Der Weg nach Navarrete erscheint mir heute sehr kurz. Dort angekommen, trennen sich unsere Wege. Er hält an der ersten Terrasse mit Pilgern an, ich suche einen Supermarkt, um Trockenfrüchte einzukaufen. Dann gehe ich zum Tourismusbüro und zur Kirche. Sie ist überwältigend in ihren Ausmaßen. Haben die Pilger oder der Wein diese Region schon früh so reich gemacht, um in einem kleinen Ort eine so große Kirche zu errichten?

Beim letzten Mal hatte ich hier in einem sehr schönen und für Pilger preiswerten Hotel übernachtet, aber heute will ich weiter.

Auf dem Weg zum Ortsausgang komme ich an einem jungen Wanderer mit Pferdeschwanz vorbei, der mit einer alten Frau aus dem Ort in ein Gespräch auf Spanisch vertieft ist. Im Stehen, an ihrer Haustür, so wie ich es oft mache, wenn irgendwo in einem Ort eine Bank am Weg steht, auf der ein Einheimischer sitzt, neben dem noch ein Platz frei ist.

Später wird er mich überholen und wir kommen ins Gespräch. Er ist ein spanischer Student und hat in  Granada und Albacete studiert, ist mit Anthropologie fast fertig. Außerdem hat er Arabische Philologie begonnen und schließt auch dieses Studium demnächst ab. Vorher will er aber noch für einige Zeit nach Kairo gehen.  Er spricht auch etwas Litauisch und Russisch. Er hatte ein Erasmusstipendium in Litauen, ist dann länger da geblieben, weil ihm die Mentalität gefiel, die Bereitschaft zu weniger oberflächlichen Gesprächen als sie in Spanien unter Studenten üblich seien, wie er meint.

Wir sprechen über den Nutzen von Sprachkursen im Ausland. Seine Erfahrungen bei einem Englischkurs auf Malta, bei dem die Spanier unter sich blieben und Spanisch statt Englisch sprachen. Dann unterhalten wir uns darüber, wie wenig doch noch neue Medien im Unterricht oder in den Vorlesungen und Seminaren an der Uni eingesetzt werden.

Er selbst möchte irgendwann Dozent und Professor  an der Uni werden, forschen.

Wir gehen beide schneller als die anderen Wanderer. Zum ersten Mal in diesem Jahr habe ich dank der Einlagen und der weichen Sommerstiefel ohne Gore-Tex, die ich diesmal angezogen habe, keine Beschwerden an den Füßen.

Kurz vor Nájera holen wir eine Gruppe von Spaniern ein, die er kennt. In der Gruppe ist auch ein Italiener, der kaum noch laufen kann. Mühsam setzt er Schritt für Schritt. Ich bleibe bei ihm, während die große Gruppe vorangeht. Er ist 31, sehr rund um die Hüften. Als er sich wundert, wie schnell ich im Gegensatz zu ihm gegangen bin, denke ich im Stillen: „Pesan más los kilos que los años“-“Die Kilos sind schwerer als die Jahre“- sage es aber natürlich nicht. Seine Füße sind wohl wirklich seinem gegenwärtigen Gewicht nicht gewachsen.

Er hat bisher in einer Firma gearbeitet, die Klimaanlagen für Züge herstellt, wie ich mit einiger Mühe erfahre, hat aber gekündigt oder ist entlassen worden. 

Er ist sehr wortkarg, spricht nur Italienisch, versteht aber etwas Spanisch. Jetzt will er bis Finisterre zu Fuß wandern und dann einige Monate durch Europa reisen.

Wir gehen lange Strecken fast wortlos nebeneinander her, sehr langsam, es fällt mir schwer, bei ihm zu bleiben.

Dann beginnt es leicht zu regnen, als wir schon in Nájera sind. Als er sein Regencape überzieht, nehme ich meinen Regenschirm, ich will das Cape nicht aus dem Rucksack holen. Dann verabschiede ich mich und mache mich auf die Suche nach einem Hotel, während er zur Herberge weiter geht.

Vor einem großen Hotel im Stadtzentrum rufe ich dort mit dem Handy an. 52 Euro für ein Einzelzimmer ist viel, doch jetzt beginnt es stark zu regnen und ich habe keine Lust mehr, weiter zu suchen. Doch an der Rezeption erwartet mich eine Überraschung. Die Dame ist sehr freundlich, als ich ihr sage, dass ich gerade angerufen habe, sieht micht von oben bis unten an und verkündet mir dann, dass der Tarif für Pilger…

… nur 32 Euro beträgt! Ich bin angenehm überrascht, denn das Hotel macht einen sehr guten Eindruck. Als ich einen Blick auf die Speisekarte des Restaurants werfe, die an der Rezeption ausliegt – köstliche Gerichte werden da angekündigt, aber 17 € + Mehrwertsteuer- kommt die zweite Überraschung: Für Hotelgäste gibt es ein Menü für 9€, ich soll danach im Restaurant fragen, empfiehlt mir die Rezeptionistin, ohne dass ich mich danach erkundigt hätte. Die Gerichte dieses Menüs sind weniger auserlesen, aber ich werde mittags und abends dort sehr gut essen, umgeben vom örtlichen Mittelstand. Es sind meist Stammgäste, die der Kellner namentlich kennt.

Leider gibt es zur Zeit keinen Computer mit Internet für die Gäste, mir werden an der Rezeption jedoch zwei Internetcafes empfohlen.

Zuerst schlafe ich aber Siesta, gehe dann in das Kloster. Die Restaurierung dort ist abgeschlossen, alles scheint zu glänzen und so gefällt mir sogar der Barockaltar, der beim letzten Mal noch vom Staub der Jahrhunderte bedeckt war.

Die Kirche ist direkt an den Fels gebaut. Eine Höhle im roten Stein enthält eine wunderschöne mittelalterliche Madonna. Davor stehen in einer Reihe steinerne Sarkophage von Königen und Königinnen. Mich beeindrucken aber nicht die gut erhaltenen Skulturen darauf, sondern der einzige Sarkophag, dessen Figur ganz verwittert ist. Ich denke an den Verfall, dem wir alle irgendwann ausgesetzt sein werden und erinnere mich an eine Figur des Todes in der Kathedrale von Salamanca, die ich seit Jahren immer in der Zeit um meinen Geburtstag herum besuche und die ähnliche Gefühle bei mir auslöst.

Dann gehe ich zum Internetcafe, wähle das zweite, das fast leer ist, arbeite ein wenig und schreibe meinen Blog. Ab und zu höre ich um mich herum arabische Musik von den anderen Computern. Es ist schon spät, Abendessen gibt es auch samstags im Hotel nur bis elf Uhr und ich will morgen früh raus, ich muss bald gehen.

Und nach einem leckeren Abendessen, mit etwas langsamerer Bedienung als am Mittag, weil im großen Saal des Hotels jetzt auch ein Hochzeitsgesellschaft tafelt, versuche ich einzuschlafen. Es gelingt mir aber nicht so schnell wie gewünscht, da manchmal die Stimmen der Feiernden heraufklingen.

Draußen regnet es immer noch in Strömen und ich danke meinem Glück, dass ich gerade zu Beginn dieser Sintflut das Hotel gefunden hatte.

Und was für ein Kontrast hier zur Behandlung im Restaurant in Logroño am Vortag!

Heute, es ist Freitag,  habe ich den ersten von drei „freien“ Tagen. Das heisst, ich kann von Freitag bis Sonntag auch zeitweise im Internet arbeiten, statt an meinem Arbeitsplatz. Der dritte Jakobsweg kann weitergehen, jedenfalls an diesen Tagen. Donnerstag-Nacht bin ich um zwanzig vor zwölf von der Arbeit zu Haus angekommen. Mit dem Abendessen, oder besser gesagt, Nachtessen,  wurde es zwei Uhr morgens, bevor ich eingeschlafen bin. Nicht nur das Essen war schuld, auch das Buch „The Kite Runner“, das ich zur Zeit  meist nur einige Minuten lang lese. Aber gestern hat es mich länger wach gehalten. Das Kabul vor den Kriegen, vor dem Einmarsch der Russen, der Wettbewerb, bei dem Jungen Drachen fliegen lassen, die dann aufgefangen werden müssen, bevor sie zu Boden stürzen, das  war zu faszinierend.

Am Freitag-Morgen bin ich dann trotzdem um halb sieben aufgewacht, aufgestanden und und dann nach Logroño aufgebrochen. Im Zug habe ich dann bemerkt, dass ich die Kamera vergessen hatte, aber es war zu spät.

Auf der Fahrt bis Burgos war ich müde, hatte kaum Lust, mit meinen Nachbarinnen zu sprechen. Nacheinander jeweils ein junges Mädchen. Beide hörten ununterbrochen Musik aus dem Ipod, die eine las auf Spanisch „Die Säulen der Erde“ von Ken Follett, die andere ein mir unbekanntes Buch. Auf meine ohne Erwartung einer ausführlichen Antwort gestellte Frage: „Gefällt dir das Buch?“ antwortete die erste nur „Ja“. Bei der zweiten machte ich erst gar keinen Versuch mehr, ein Wortz mit ihr zu wechseln.

Dann in Burgos einige hundert Meter zum Busbahnhof. Der Bus nach Logroño fährt erst in einer Stunde, ich habe noch Zeit, essen zu gehen und finde ein Lokal mit vielen älteren Männern, wohl Rentner. Ich fühle mich auch diesem Alter nahe und setze mich an einen freien Tisch. Das Essen ist deftig und preiswert. Die grünen Bohnen scheinen jedenfalls kein Tiefkühlgemüse zu sein.

Dann zum Bus. Ich habe einen Fahrplan bekommen und sehe, dass der Bus, mit dem ich am Sonntagabend den letzten Zug nach Madrid hätte erreichen können, gerade fünf Minuten vor dessen Abfahrt am Busbahnhof ankommt. Ich muss also einen früheren nehmen und schon um 12 von Santo Domingo zurück nach Burgos fahren. Nach Logroño gibt es mehr Busse, aber alle Züge von Logroño aus sind ausverkauft und ich möchte nicht die ganze Strecke mit dem Bus nach Madrid fahren.

Im Bus sind mehr Wanderer, die dem Jakobsweg entgegenfahren. Nacheinander steigen sie an den Orten unterwegs aus. Ich bedauere es in diesem Moment, im Bus durch Orte zu kommen, die ich eigentlich erst wandernd wiederendecken wollte. Schade!

Dann steige ich in Logroño aus dem Bus. Eine schwüle Hitze empfängt mich, das Thermometer zeigt 36 Grad, langsam beginnen Regentropen zu fallen, der Himmel ist schwarz. Mein Rucksack erscheint mir plötzlich  viel zu schwer, ich habe das Gefühl, nicht die Kraft zu haben, heute noch nach Navarrete zu laufen wie beim letzten Mal vor vier Jahren. Damals hatte ich auch in Logroño den Weg wieder aufgenommen und war am späten Abend ganz allein unterwegs gewesen. Außerdem hatte ich Navarrete schon vom Busfenster aus gesehen und jetzt gleich dahin wieder zurück? Nein, das wollte ich mir nicht antun.

Auf dem Weg zum Stadtzentrum von Logroño  komme ich an einem Hostal vorbei, zögere erst, gehe einmal rundum, um vielleicht noch ein anderes zu finden, suche dann die Telefonnummer in meinem kleinen Führer, weil ich es zunächst nicht wiederfinde. Ja, ausgerechnet ich, der ich normalerweise stolz auf meinen Orientierungssinn bin… Aber es ist einfach zu heiss und der Regen scheint auch jeden Moment stärker zu werden. Die Rezeptionistin erklärt mir telefonisch dann den Weg, bietet mir im Hostal dann auch an, mir das Zimmer zu zeigen, bevor ich einchecke. Ich fahre mit ihr hoch in den vierten Stock. Das Zimmmer liegt zu einer belebten Fussgängerstrasse, hat aber doppelte Fenster. Die Möbel sind bescheiden, aber das Badezimmer ist sehr gross.  Ich nehme es. Internet gibt es kostenlos in der Regionalbibliothek, wie sie mir dann erläutert.

Ich schlafe eine Siesta, mache mich dann auf den Weg. In der Bibliothek darf ich zunächst nur zehn Minuten ins Netz. Für mehr muss ich einen Bibliotheksausweis machen, sagt mir die Aufsicht. Die Dame bei den Ausweisen macht  aber dann eine Ausnahme, als sie hört, dass ich einen Blog schreiben will. Ich darf bis zur Schliessung unbegrenzt bleiben, auch ohne Ausweis. ich erledige meine Arbeit und beginne dann den Blog. Leider wird schon um neun geschlossen, wenig Zeit, aber wenigstens etwas!

Dann ein Abendessen in „Kuppa“, einem Restaurant voller Pilger. Es gibt wieder grüne Bohnen, diesmal aber nicht richtig gar, gerade aufgetaut anscheinend. Im Lokal sind nur Ausländer. Der Kellner, wohl Nordafrikaner, “irrt sich“, und nennt mir beim Bezahlen den Preis für zwei Menüs, obwohl ich allein am Tisch gesessen habe und als Extra nur ein Bier hatte. Ich wundere mich, dann korrigiert er den Preis und sagt, er habe sich geirrt. Nur gut, dass ich draußen auf die Tafel mit dem Menüpreis geschaut hatte. Den Aufpreis für das Bier reduziert er dann, weil er kein Kleingeld hat und ich auch nicht. “Frühstück haben wir ab sechs Uhr, teilt er allen Gästen mit.

Nach dem Essen gehe ich dann durch die Tapas-Zone hinter dem Hostal, zu der mir die Rezeptionistin geraten hatte. Es ist überall brechend voll, ich komme kaum durch die Leute auf der Strasse. Da habe ich wirklich einen Fehler gemacht, als nicht auf die Rezeptionistin hörte. Die ausgehängten Speisekarten hier sind wirklich verlockend und es ist kaum teurer als das Pilger-Lokal.

Am Morgen werde ich um sieben wach. Alle Cafés sind noch geschlossen, als ich auf die Strasse gehe. Ich fürchte zwar, dass das Frühstück in dem Pilgerlokal genau so „bescheiden“ sein wird wie das Abendessen, gehe aber doch dorthin.

Im Lokal sind mehr Gäste als am Vortag. An einem Tisch sitzen sitzen zwei Asiatinnen. Ein anderer Kellner- oder ist es ein Gast oder der Besitzer? singt ihnen gerade ein Lied mit vielen „ying-yang ying-yang und Aufzählungen von asiatischen Automarken, er scheint sich lustig zu machen. Die beiden Mädchen sind katholische Koreanerinnen, wie er dann aus ihnen herausfragt.  Ich schäme mich für ihn, stelle mir vor, wie es wäre, wenn mir jemand in Asien so ein Lied mit entsprechenden deutschen Automarken in 50 Zentimeter Abstand von meinem Gesicht singen würde. Er ist Portoricaner, wie er sagt, spricht gleich flüssig Englisch und Spanisch, ist sehr von sich überzeugt. 

Der Kellner vom Vortag ist auch wieder da. Nach dem Frühstück bestelle ich  noch einen zusätzlichen Kaffee und einen Saft. Als ich bezahle will, errechnet unser Kellner einen Preis, für den ich auch in einem Viersterne-Hotel hätte frühstücken können. Als ich bemerke, das sei aber etwas teuer, sagt er sofort, „Ah ich habe mich geirrt, ich habe geglaubt, sie hätten zweimal Frühstück und außerdem die Extras gehabt.“ Dann nennt er als Preis die Hälfte vom ersten Preis, den er gesagt hatte. Wirklich viele Irrtümer…

Dann mache ich mich auf den Weg.

Wieder stehe ich früh auf. Beim Frühstück gibt es auch dieses Mal viel Obst, das man auch mitnehmen kann. Aber im Frühstücksraum sind eher beleibtere Spanier, die nicht nach Wanderern aussehen.

Dann mache ich mich auf den Weg. Ich  muss bis spätestens 13.00 Uhr in Logroño sein, um den Zug mit Umsteigen nach Madrid zu erreichen. Der Weg fällt mir leicht, die neuen schützenden Pflaster an meinen Füßen wirken. Der Weg kreuzt manchmal die Landstraße. Heute sind mehr Autos und Lastwagen unterwegs, der Streik scheint zu Ende zu sein.

Dann überhole ich A.-M., die ältere Französin. Sie wartet auf ihre Begleiterin vom Vorabend, die hinter ihr kam, dann aber irgendwo die falsche Abzweigung genommen hat. Sie hat ihr Handy in der Hand, bekommt aber zunächst keine Verbindung. Wir gehen zu einer höheren Stelle und sie ruft ihre Freundin an und erklärt ihr zehn Minuten lang auf Französisch in allen Details den richtigen Weg: „An einem Schuppen links, dann an einem Pinienwäldchen entlang. Dort sehen Sie einen großen Baum und da müssen Sie die Abzweigung rechts nehmen….“ . Sie haben die detaillierte Wegbeschreibung von ihrer Jakobswegvereinigung mitgebracht. Bisweilen scheint eine solche Beschreibung einen davon abzulenken, auf die gelben Pfeile zu achten, die eigentlich meist eindeutigere Hinweise geben. Aber nach dem vielen Regen der letzten Wochen hat die Vegetation bisweilen die Überhand gewonnen und die Pfeilmarkierungen überwuchert.

Schließlich findet die Freundin dann doch den richtigen Weg und ich gehe weiter, denn mein Zug fährt in Logroño früher ab.

Kurz vor der Stadt setze ich mich auf eine Bank. Ich möchte schon mal meine lange Hose für die Rückfahrt im Zug anziehen. Ich schaffe es auch noch gerade, bevor eine junge Frau vorbeikommt. Das verschwitzte Hemd werde ich dann später wechseln, möglichst erst im letzten Moment. Dann lasse ich wie vor vier Jahren schon, meinen Ausweis von einer Frau stempeln, die seit Jahrzehnten jeden Tag am Ortseingang von Logroño an einem kleinen Tisch am Weg sitzt. „Felisa, Higos, Agua y Amor“ – „Felisa: Feigen, Wasser und Liebe“ steht auf dem Stempel.  Und ich freue mich, dass Felisa noch da ist und ich wieder bei ihr angekommen bin.

Am Stadtrand hole ich dann die Wandererin ein, die mich vorher überholt hatte. Sie kommt aus der Nähe von Hannover, hat leider keine Zeit, den ganzen Weg zu laufen und will von Burgos nach Leon mit dem Zug fahren.

Ich finde das schade, denn für mich war gerade diese Strecke mit ihren weiten Ebenen, die im Sommer zur Steppe werden, einer der beeindruckendsten Teile meines ersten Jakobswegs. Der Weg ist dort zwar manchmal hart und einsam, aber die Landschaft ist so ganz anders als die eher lieblichen Täler und Hügel bis Burgos und dann in Gallicien. Und sie unterscheidet sich auch von der Hochgebirgslandschaft, in der ich bei Madrid wohne. Vielleicht gefällt sie mir auch deshalb.  

Leider haben wir keine Zeit, uns länger zu unterhalten, denn ich muss zum Bahnhof, während sie sich zur Altstadt wendet. Ein letztes „Buen Camino“ -“Guten Weg“ und das erste Drittel meines dritten Jakobswegs liegt hinter mir.

Auf dem Weg zum Bahnhof finde ich ein Orthopädie-Geschäft. Aber leider haben sie die Einlagenform, die ich brauche, nicht vorrätig.

Die junge Verkäuferin fragt mich am Ende, warum ich eigentlich jetzt schon zum dritten Mal den Jakobsweg gehe. „Warum so oft?“  Ich möchte ihr nicht alle meine Gründe dafür erklären, sage nur, bei keiner anderen Art, seinen Urlaub zu verbringen, lerne man so schnell so intensiv andere Menschen kennen und könne so intensiv seine Fremdsprachenkenntnisse verbessern. Sie scheint von dieser Aussage überrascht zu sein. Ob sie es auch mal versucht? Wer weiß.

Im Bahnhof komme ich gerade noch rechtzeitig an, um mein Ticket zu kaufen und das Hemd zu wechseln, weil der Zug 15 Minuten Verpätung hat. Es ist ein alter Aluminium-Talgo, in den sechziger Jahren mal ein sehr modernes Modell mit Klimaanlage und  in Leichtbauweise mit der damals revolutionären Technik der Radsätze ohne Drehgestelle unter den Waggons, sondern mit Einzelachsen zwischen den Waggons. Doch inzwischen ist dieser Zugtyp in die Jahre gekommen und wird nur noch auf Nebenstrecken eingesetzt. (Mehr zur Geschichte von „Talgo“)

Mein Platz ist neben einer jüngeren Frau mit elegantem Haarschnitt, die Geschäftsgespräche am Handy führt und anscheinend Mitarbeitern Bankgeschäfte erklärt. 

Wie sich dann herausstellt, hat sie gerade eine Woche lang den Jakobsweg von Irun im Baskenland nach Castro Urdiales in Kantabrien gemacht. Es sei härter als der „Camino francés“, der Weg durch das Landesinnere, den ich gelaufen bin, weil es an der Küste entlang häufig sehr starke Steigungen und Abstiege gebe, bei denen man sich manchmal an Stahlseilen festhalten muss.

Sie hat zwei schon ältere Kinder, die sie auch mal davon überzeugen will, den Jakobsweg zu machen.

Beruflich ist sie Mitbesitzerin einer Fabrik für Sofas und gibt mir am Ende noch deren Webadresse mit, wie ich später sehen werde, wirklich elegante Modelle. Hier die Adresse der Sofafabrik: http://www.xerton.com/

Dann steige ich in Tudela um, habe Zeit, in einem südamerikanischen Geschäft, „La tienda latina“, Plastiktüten zu erstehen, um meine lehmverschmierten Stiefel endlich ausziehen und bequem mitnehmen zu können. Dann esse ich in einem chinesischen Restaurant eine Kleinigkeit und gehe wieder zum Bahnhof. Diesmal nehme ich einen sehr modernen Zug, einen „Alvia“, der die Spurweite während der Fahrt wechseln kann und deshalb später die Hochgeschwindigkeitsstrecke nach Madrid benutzen kann, die in der europäischen Normalspurweite gebaut worden ist, wie alle Neubaustrecken in Spanien. Die alten Strecken haben weiterhin die iberische Breitspur, aber das ist kein großes Problem. Jedenfalls werden auf diese Weise die Hochgeschwindigkeitsstrecken nur von schnellen Zügen benutzt, die auch sehr pünktlich sein können. Andernfalls bekommt man nämlich den Fahrpreis zurückerstattet.

Auf dem Bahnsteig steigt eine große Gruppe von jungen Mädchen mit weißer Bluse und rotem Halstuch ein, die Tracht der jungen Männer, die im Juli in Pamplona vor den Stieren her laufen.

Ich hatte erste Klasse nehmen müssen, weil in der zweiten kein Platz mehr frei war. In Spanien kann man nur mitfahren, wenn man einen reservierten Platz hat, die Reservierung ist obligatorisch und im Fahrpreis inbegriffen. Viele Züge sind ausgebucht, es ist schwierig, am Freitag noch einen Platz zu bekommen.

Züge sind teurer als die Busverbindungen, aber oft sehr schnell und auch sehr komfortabel. In der ersten Klasse gibt es in den Hochgeschwindigkeitszügen zur Begrüßung ein Glas Sekt, dann eine Mahlzeit nach gedrucktem Tagesmenü, auch mit kostenlosen alkoholischen oder alkoholfreien  Getränken, dann Kaffee und am Ende vor dem Aussteigen noch mal einen Likör oder Ähnliches zum Abschied. Alles im Fahrpreis enthalten und von Zugbegleiterinnen serviert. (Mehr zu Alvia-Angeboten und Pünktlichkeitsgarantie von Renfe - Alvia -Compromiso de puntualidad- Restauración en el asiento- Bewirtung am Platz)

Der Fahrpreis stört mich heute nicht, denn ich reise diesmal mit den Bonuspunkten der Kreditkarte der Bahngesellschaft „Renfe“ und genieße den fürstlichen Service.

Der junge Mann um die zwanzig neben mir hat nicht das Wort an mich gerichtet, seitdem er sich gesetzt hat.

Genau das hatte ich auf der Hinfahrt im Intercity bei der Unterhaltung mit meiner ersten Sitznachbarin auf dieser Reise bedauert. Wir meinten beide, das Verhalten im Zug ähnele jetzt immer mehr dem in der U-Bahn, wo es auch ein Tabu ist, mit dem Nachbarn zu sprechen. Und die jungen Leute seien vielleicht einfach auch mundfauler als früher.

Sie war auch Krankenschwester – diesmal der häufigste Beruf, dem ich begegnet bin, und wollte mit Freunden die Städte vom Jakobsweg in Kastilien und Leon mit dem Auto besuchen.

Als sie in Valladolid ausgestiegen war, hatte sich ein junges Mädchen neben mich gesetzt, das nach San Sebastian fuhr. Es war mühsam, mit ihr einige Worte zu wechseln. Sie wusste nicht, wie der Fluss hieß, an dem wir in Burgos entlang fuhren, obwohl sie diese Strecke oft befuhr.  Schließlich nahm sie ein Buch aus der Tasche und ich machte keinen Versuch mehr, etwas zu sagen.

Der Zug kommt  heute fünf Minuten vor der offiziellen Ankunftszeit im Fahrplan in Madrid an, ich verstehe, wie man Fahrpreisrückzahlungen vermeidet. Spanische Pünktlichkeit bedeutet bei „Renfe“, dass die Fahrpläne ein wenig Luft haben, so dass die Züge im Normalfall vor der Ankunftszeit am Zielbahnhof sind.

Am Bahnhof für die Nahverkehrszüge helfe ich spontan einer jüngeren Italienerin, die ihre Zielstation, ein kleiner Halt vor Segovia, auf den Karten des Madrider Nahverkehrsystems nicht entdeckt, und versichere ihr, dass der Regionalzug nach Segovia am Bahnhof „La Losa de Riofrio“ halten wird. Ich weiß es, weil ich diesen Bahnhof oft als Ausgangspunkt für Radtouren genutzt habe.

Während ich ihr helfe, merke ich, dass ich mein Verhalten von der Kommunikationsweise „Jakobsweg“, bei der man mit jedem spricht, dem man begegnet, wieder auf „Großstadt“ umstellen muss, wo Zurückhaltung angebracht ist.

Die Umstellung wird mir in den nächsten Tagen schwer fallen. Auch der Blick aus dem Fenster wird zuerst immer noch von der Frage begleitet sein: „Wie ist das Wetter? Regnet es wieder, werden die anderen, die ich kennen gelernt habe,  wieder mit dem Schlamm auf den Wegen kämpfen müssen? Oder werden sie unter der Hitze leiden?

Nun bin ich schon seit einigen Tagen wieder zu Haus, aber bei jedem Blick aus dem Fenster sehne ich mich danach, wieder unterwegs zu sein, egal ob die Füße schmerzen oder nicht.

„Buen Camino“ – hoffentlich kann ich euch, die ihr auch unterwegs seid,  das bald wieder persönlich sagen.

In der Tat schaffe ich es, schon um sieben Uhr in der Cafeteria unten zu frühstücken. Ich lese dabei die Regionalzeitung und finde einen Artikel und ein Foto über den Erdrutsch am Jakobsweg bei Villamayor. In dem Bericht wird den Pilgern vorgeworfen, die Absperrungsmaßnahmen  der Polizei nicht beachtet zu haben. Um halb neun verlasse ich Los Arcos. Der Weg ist leicht und ich genieße es, dass es heute nicht regnet.

Zunächst bin ich ganz allein unterwegs, dann überholt mich eine junge Amerikanerin Mitte zwanzig, die in Villamayor übernachtet hat. Sie ist sehr groß, trägt sehr leichte Schuhe und geht unglaublich schnell. Mit meinen Ferseneinlagen kann ich heute auch schmerzfrei auftreten und mehr als eine Stunde lang kann ich mithalten.

Wir sprechen über Literatur, denn sie liest sehr viel, liebt Literatur über alles, und ich habe in den letzten Jahren auch sehr viel englischsprachige Literatur verschlungen. Sie meint, durch Filme und Bücher könne man kein wirkliches Bild eines Landes gewinnen. Die USA würden durch Hollywood den Ausländern nur als Zerrbild dargestellt, und andererseits hätten die US-Amerikaner auch kein realistisches Bild anderer Länder, weil nur acht Prozent ins Ausland reisen würden.

Sie kommt aus einer kleinen Stadt bei Boston und ist glücklich, dort zu leben. Wie bei E. aus Irland ist John Le Carré auch ein Lieblingsautor ihres Vaters, merkwürdig, da scheine ich der gleichen literarischen Generation anzugehören. Dann sprechen wir über Tom Wolfe und seinen Roman „I am Charlotte Simpson“ und seine Fähigkeit, nicht nur die Lebensphilosofie, sondern auch den Slang von jungen Studenten verschiedener sozialer Schichten an amerikanischen Hochschulen wiederzugeben – er hat sich dafür übrigens bei Soziolinguisten wissenschaftliche Unterstützung geholt. 

El. meint, auch für sie sei das Verstehen anderer junger Leute aus Amerika ganz schwierig. Am Tag zuvor habe sie mit einer jungen Kalifornierin gesprochen und das Gefühl gehabt, mit ihr weniger gemeinsam zu haben als mit jemandem aus einem anderen Land. Die Kalifornierin sei aus einem anderen Staat, mit einem ganz anderem Klima, habe einen ganz anderen Akzent. Außerdem komme sie auch aus einer Millionenstadt wie LA und von einer riesigen Universität, ganz im Gegensatz zu ihr. Und eigentlich hätten sie sich fast nichts zu sagen gehabt.

Wir sprechen dann auch über Douglas Kennedy und seine Beschreibungen amerikanischer Kleinstädte, mit der öffentlichen Bibliothek als sozialem Zentrum, durch das die Fäden der sozialen Beziehungen im Ort verknüpft werden.

Ich empfehle ihr die neueren Romane „Winter in Madrid“ und „Moths„, weil sie Geschichte unterrichtet.

Später fragt sie mich, warum ich in Spanien lebe, und ich erzähle ihr von meinen Plänen aus der Zeit um 1970, später einmal nach Chile oder Argentinien zu gehen, weil mein Spanischlehrer in der Schulzeit in den sechziger Jahren so von diesen Ländern schwärmte, wo er früher eimal gelebt hatte. Deshalb sei ich nach Spanien gekommen, um mein Spanisch zu verbessern. Aber aus den Plänen mit Südamerika sei dann nichts geworden, weil Diktatoren wie Pinochet oder Videla dort die Macht übernommen hätten. Daraufhin erzählt sie, ihr Großvater habe Pinochet persönlich gekannt, da er Botschafter der Vereinigten Staaten gewesen sei. Ich reagiere darauf nur, indem ich kommentiere, das sei sicher eine schwierige Aufgabe gewesen. Ich habe Lust, sie zu fragen, ob sie den Film „Missing“ gesehen habe, tue es abe nicht. Ich verkneife es mir auch, über den französischen  Freund aus der Studienzeit zu sprechen, der damals bei der französischen Botschaft in einem Nachbarland von Chile arbeitete und kurz nach dem Putsch einigen Verfolgten helfen konnte. Aber El. wird nach diesem Thema einsilbiger.

Wir gehen immer noch sehr schnell, ich wundere mich über die Leichtigkeit, mit der sie auch die steinigsten Strecken bewältigt und sie meint, das läge an ihrem Beruf. Sie unterrichtet auch Tanz und habe daher harte Fußsohlen, deshalb brauche sie nur ganz leichte Schuhe. Ja, sie scheint wirklich zu tänzeln, selbst über die Schlammzonen hinweg. Außerdem sei sie Läuferin: „I am a runner“ und auch darum gut trainiert.  Ja, das Buch „Moths“, das ich ihr empfohlen habe, dürfte ihr wirklich gut gefallen, da die Hauptperson ein „Runner“ ist. 

Es geht jetzt bergauf und bergab, wir werden aber nicht langsamer. Wir überholen Dutzende von anderen Wanderern, die auch früh aufgestanden sind, von denen sie einige vom Vortag kennt und kurz begrüßt. Andere fragt sie mit amerikanischer Unbekümmertheit nach dem Heimatland und ist davon fasziniert, aus wie viel verschiedenen Gegenden der Welt die Wanderer – oder sind es Pilger? – heute kommen. 

Wir hasten an einer Kirche vorbei, die auf einem Hügel liegt, aber sie möchte keine Pause machen, um sie zu besichtigen. Im nächsten Ort ist aber eine Kirche nach Art der Templerkirchen wie in Eunate, die bei meinem ersten Jakobsweg auf dieser Route verschlossen war. Und dieses Mal ist sie geöffnet. Da kann ich wirklich nicht vorbeigehen. Doch El. will auch hier keine Pause machen.

Ich bleibe stehen, verabschiede mich mit „Buen Camino!“ und sehe die Kirche an, es lohnt sich. Aber es tut mir sehr Leid, nicht weiter mit El. reden zu können, sie war einer der interessantesten Gesprächspartner bei diesem Jakobsweg.

El. erinnert mich durch ihren raschen Verstand an Elizabeth Best, eine junge Australierin, mit der ich beim letzten Jakobsweg einige Stunden zusammen gewandert war. Sie hatte schon ein Buch geschrieben und es mit erst 24 Jahren mit einigem Erfolg in ihrem Heimatland und dann in anderen Ländern veröffentlicht. Es beschreibt ihren Weg aus der Magersucht, der Anorexie:  Eli’s Wings

Eli’s Wings is an autobiographical account that will at once break your heart and fill it with hope.

At just twenty-four, Eli writes about her life with an insight far beyond her years, and in a way that will reach inside the hearts of people everywhere.

A dramatic, triumphant and ultimately uplifting story of one young woman’s unbreakable passion for life.

http://www.theyearweseizedtheday.net/eli.html

Elizabeth Best wollte damals das nächste Buch schreiben, zusammen mit einem anderen Autor, und machte deshalb den Jakobsweg. Aber zwei Autoren wandern anscheinend besser getrennt, wenn sie über die Wanderung ein Buch schreiben wollen, und so waren sie getrennt unterwegs, wie an dem Tag, als ich Elisabeth kennen lernte.

Das gemeinsame Buch über den Jakobsweg ist übrigens auch schon erschienen, wie ich gerade im Internet herausgefunden habe: The Year We Seized The Day

http://www.theyearweseizedtheday.net/theauthors.html

Nach der Besichtigung der Templerkirche bin ich immer noch durchgeschwitzt, trotz der Kühle. Doch ich versuche, den Rhytmus von vorher beizubehalten. Doch bald wird der Weg steiniger, führt an der Landstraße vorbei immer wieder talabwärts und talaufwärts, während die Landstraße ungefähr auf gleicher Höhe bleibt. Daher entscheide ich mich für die Landstraße, denn nur ungefähr alle zehn Minuten kommt ein Auto vorbei. Liegt es an der parallelen Autobahn oder immer noch am Lastwagenstreik? In diesem Fall sei er gesegnet!

Auf der Landstraße gehe ich allein, sehe die anderen Wanderer nur von weitem. Aber nach einiger Zeit holt mich ein ein Mann in kurzer Radlerhose, ärmellosem weißem Turnhemd und Sandalen ein. A. ist Italiener, in Florenz geboren. Er arbeitet als Sportlehrer, ist Spezialist für asiatische Gymnastik und Kampfsportarten. Sein Sohn wird im Sommer einen dreimonatigen Sprachkurs in Berlin besuchen, er selbst  spricht nur Italienisch. Wieder ist Berlusconi ein Thema und auch andere Politiker, die eher Staatsschauspieler sind oder waren. A. ist sehr humorvoll, wir sprechen Spanisch und Italienisch durcheinander, schwieriger wird es mit der Verständigung aber bei der politischen Philosofie.

Die politische Idealfigur für A. ist Rosa Luxemburg, die Pazifistin. “Ich liebe Rosa Luxemburg“, wiederholt er auf Italienisch. Die Gegenfigur ist für ihn Lenin,  der Agent der Deutschen, wie A. sagt. Er nennt die Namen anderer politischer Vorbilder, die ich nicht kenne, spricht über Chiapas in Mexiko. Er äußert, die Linke solle sich nicht an der Macht beteiligen, sondern nur die „Rechte des Volkes“ verteidigen.

Ich widerspreche ihm nicht, die Verständigung ist zu schwierig. Meint er wirklich, man solle einem Mann wie Berlusconi einfach kampflos die Macht überlassen? Das kann wohl mit einem bösen Erwachen enden, denke ich. Aber ich beginne zu verstehen, warum so viele italienische  Linke anscheinend nicht zu den Wahlurnen gegangen sind.

A. möchte dann doch weiter auf dem Wanderweg gehen und ich weiter auf der Landstraße, unsere Wege trennen sich.

Einige Zeit später überhole ich drei ältere Deutsche, einen Mann und zwei Frauen, aus Plauen im Vogtland, „aus dem Osten“, wie sie sagen. Das schlechte Wetter der letzten Tage hat ihnen zugesetzt. Sie sind ganz froh, am nächsten Tag von Logroño aus die Heimreise anzutreten, der Jakobsweg im Schlamm war doch sehr anstrengend für sie.

Am Mittag im Restaurant sitzen sie am Tisch hinter mir. Sie folgen dem Programm, das tonlos im Fernsehen läuft und bei dem ein Fernsehkoch neue Gerichte vorführt. Sie kommentieren die Zubereitung, die sie interessant zu finden scheinen, auch ohne Ton. Als ich mich umdrehe und sage: „Hallo, ich glaube, ich kenne Sie. Sind Sie nicht aus Plauen?“ erschrickt der Mann. Ich wundere mich und denke spontan an alte Ängste vor der Stasi als Grund für diese Reaktion. Könnte es wirklich daran gelegen haben?

Wir unterhalten uns  dann einen Moment lang. Sie wohnen in einer Pension über dem Restaurant. Aber auch später grüßen wir uns am Nachmittag immer nur flüchtig.

Ich selbst habe in Viana das erste Hotel genommen, das in Sicht kam. Es hatte  kostenloses Internet am Eingang. Der Zimmerpreis ist höher als in den vorigen, aber ich bin zu erschöpft, um weiter zu suchen und meine Füße schmerzen sehr.

Im Zimmer bin ich dann ein wenig verärgert, dieses Hotel gewählt zu haben. Ich schaffe es nämlich nicht, die laute Klimaanlage abzustellen. Die Dame an der Rezeption kann mir auch nicht weiterhelfen.

Als ich dusche, stelle ich fest, dass bei dem Auf und Ab heute je einer von meinen blauen Fußnägeln pro Fuß begonnen haben, sich abzulösen und zu bluten, was mir beim ersten Jakobsweg erst nach der Rückkehr nach Haus passiert war. Die Wunde der offenen Blase unter einer großen Zehe hat sich auch noch nicht geschlossen, die Fersen schmerzen trotz der Fersenkissen, die ich gestern erworben habe. Wahrscheinlich haben die auch dazu beigetragen, dass der Druck auf den Zehen beim Bergabgehen zugenommen hat und deshalb die Nägel in Gefahr kamen. ich bedaure es wieder, bei der Abreise zu Haus die Einlagen mit der Erhöhung in der Mitte des Fußes vergessen zu haben, die den Fuß vorne und hinten entlasten. Das passiert mir nicht noch einmal!

Resüme: Ich kann also wirklich nicht mehr all zu weit laufen.

Dann  gehe ich aus dem Hotel, um eine Apotheke zu suchen. Auf dem Vorplatz der großen Kirche sehe ich die drei Frauen aus Ponferrada wieder, die mich fragen, warum ich etwas unsicher gehe. Sie sind Krankenschwestern von Beruf, wie sie dann sagen und sie schenken mir einen Verbandstyp, der die Zehen schützt und mehrere Tage auf offenen Wunden verbleiben kann. Damit werde ich  am nächsten Tag problemlos nach Logroño gelangen.

Nun versuche ich Siesta zu halten, gebe es aber bald auf, weil mich der Krach der Klimaanlage nicht einschlafen lässt. Mit zwei Tageszeitungen setze ich mich dann an die Hauptfußgängerstraße von Viana, und der Ort beginnt, mir wieder besser zu gefallen. Ich beobachte die Mütter mit ihren Kindern auf dem Weg nach Haus. Einmal kommt eine vorbei, die ein Baby im Wagen hat, und drei der an den Tischen sitzenden Männer stehen auf, um in den Wagen hineinzusehen. Zuerst denke ich, was für nicht-machistische Männer, die haben ja derart viel Interesse an Babys wie sonst nur Frauen. Später frage ich mich dann, ob sie vielleicht auf diese Weise feststellen wollten, wer von ihnen der Vater ist. Das könnte ja auch ein guter Grund gewesen sein!

Dann esse ich im gleichen Lokal wie am Mittag. An einem Tisch sitzen die drei Frauen aus Ponferrada, die mich erwartungsvoll ansehen und fragen, wie es jetzt um meine Füße steht. Ich bedanke mich noch einmal und sage ihnen, dass es mir viel besser geht, obwohl ich die neuen Pflaster erst morgen auflegen will. Dann setze ich mich aber nicht zu ihnen, sondern zu zwei älteren Damen aus Frankreich.

Am Nachmittag hatte ich sie auf der Straße getroffen und sie hatten mir erzählt, dass sie morgen mit dem Zug nach Frankreich fahren wollten. Vor dem Abendessen hatte ich dann noch für sie – und auch für mich nach Madrid -  im Internet Zugverbindungen gesucht und will sie ihnen jetzt zeigen.

Eine von ihnen ist die Frau, die ich am Vortag aus dem Schlamm gezogen habe.

Ich erzähle, dass ich am Mittag im Hotel einen Bericht im lokalen Fernsehen „Tierra de Estella“ gesehen habe, der die Folgen des Unwetters in Villamayor zeigte. Interessant daran war, dass von den Bauern über dem Wanderweg in der Zone des Erdrutsches ein großer künstlicher Teich angelegt worden war, gesichert nur mit einer Plastikplane über Erddämmen, und dass die Bauern die ganze Zeit befürchtet hatten, dass der kleine Stausee schlagartig überlaufen würde und die Seitendämme einbrechen könnten. Das hätte die Pilger auf dem Weg unterhalb in Gefahr gebracht und vielleicht sogar die Autofahrer auf der Autobahn auf der anderen Talseite, wie ein Bauer meint.

Wirklich bemerkenswert, dass dennoch im Moment der Gefahr niemand uns Wanderer davor gewarnt hat!

A.-M., . scherzt, sie werde mich als ihren „Retter“ für die Medaille der französischen Jakobsweggesellschaft vorschlagen. Ich bitte sie, nicht zu übertreiben und wir reden über die neue Lebensqualität in Paris, seitdem es das Fahrradverleihsystem gibt, das sie oft nutzen. 

Die beiden sind Frührentnerinnen wider eigenen Willen. Sie waren früher bei einer Fluggesellschaft beschäftigt, die sie zur Aufgabe ihrer Stellen mehr oder weniger gezwungen hat.

Sie empfehlen mir den französischen Jakobsweg. Als ich vorsichtig frage, ob es da auch Pensionen oder ähnliche Unterkünfte gebe, versprechen sie, mir eine Liste von getesteten Privatunterkünften zu senden, die die französische Vereinigung zusammen gestellt habe. Ich harre der Dinge!

Wir verabschieden uns und ich gehe ziemlich früh ins Bett. Die Dame vom Spätdienst an der Hotelrezeption hat es jetzt auch geschafft, die Klimaanlage auszuschalten und ich kann ruhig schlafen.

 

Zum Frühstück bin ich  um halb acht wieder in der Fernfahrerkneipe. Im Fernsehen laufen die Morgennachrichten, es gibt einen Streik der kleinen Lastwagenunternehmer gegen die hohen Benzinpreise, die sie nicht an die Kunden weitergeben können, weil die Konkurrenz unter den Transportunternehmen zu groß ist. Sie fordern Mindestpreise und Subventionen von der Regierung. Viele Straßen, Grenzübergänge  und auch Raffinerien werden von Lastwagen blockiert. Fabriken haben die Produktion einstellen müssen, weil Zulieferungen nicht ankommen, vielerorts sind deshalb die Arbeitsverträge der Belegschaft suspendiert worden.

Die Fernsehbilder zeigen schlimme Szenen. Mehrere Lastwagen von Streikbrechern sind von den Streikenden angezündet worden, ein Lastwagenfahrer, der in der Fahrerkabine übernachtet hatte, wurde vom Feuer überrascht und hat schwere Verbrennungen erlitten. Anderswo ist ein Streikposten überfahren  worden und ums Leben  gekommen, als er sich den Streikbrechern entgegengestellt hatte.

In einer anderen Stadt protestieren auch die Fischer.  In Südspanien  verprügeln demonstrierende Bauern Polizisten und werden von diesen auch nicht gerade mit Sanfthandschuhen angepackt. 

Jetzt verstehe ich die Stimmung im Saal am Vorabend und weiß auch, warum so wenig Autos unterwegs waren. Gut, dass ich heute kein Verkehrsmittel brauche!

Ich mache mich wieder zu Fuß auf den Weg. Kurz nach Verlassen der Stadt sehe ich ein großes Kloster vor mir. Noch davor liegt eine Weinkellerei, die für die Pilger einen „Weinbrunnen“ installiert hat, wo man kostenlos Wein abzapfen kann. 

Mehrere japanische und und amerikanische Pilger sind fasziniert und fotografieren, andere nützen die  Gelegenheit und tun schon so früh am Morgen des Guten zu viel. Wie werden sie wohl danach weiterlaufen können? Aber im Mittelalter gehörte der Wein sicher auch schon zu den Standard-Pilgergetränken, wie jetzt bei Menüs für Pilger in den Restaurants.  Wein und Wasser sind dabei fast immer im Preis inbegriffen, man muss aber für Mineralwasser mit Kohlensäure oder Bier extra bezahlen. 

Ich selbst verzichte darauf, den Wein zu probieren, und besichtige das Kloster. Dann ziehe ich weiter, in leichtem Regen. Eine  ältere Dame aus Frankreich überholt mich, sie hat sehr lange Beine und scheint erstaunlich stark zu sein.

Der Regen wird manchmal stärker, die Berggipfel werden von Wolken verdeckt. ich ziehe meine Regenüberhose an. Am Vortag hatte mir der schnelle Gewitteranfang  keine Zeit dazu gelassen und das Wasser war mir wohl an den Beinen entlang in die Stiefel gelaufen.

Während ich auf einer Bank vor einem Campingplatzsupermarkt sitze, unterhalte ich mich in meinem gebrochenem Italienisch mit einer älteren Frau, die ich mit ihrem jünger wirkenden Mann schon beim Zwischenstopp zum Ausweisstempeln  in der Pilgerherberge von Zizur Menor gesehen hatte. Sie übernachten auch in Pensionen, wenn es möglich ist.

Dann gehe ich weiter im Regen, sehe lange keinen anderen Wanderer.  Vor Azqueta hat der Wolkenbruch vom Vortag hinter einer Brücke die Betonstraße unterspült und zur Hälfte zum Einsturz gebracht.  An der Steigung zum Ortseingang sind überall die Gärten überschwemmt worden und das Wasser hat Kartoffelpflanzen zum Teil wegeschwemmt, die doch eigentlich Regen ganz gut vertragen.

Hinter mir höre ich plötzlich Pferdegetrappel, ein Pilger zu Pferd kommt bergab im Trab, steigt beim Aufstieg aber ab und zieht sein leicht bepacktes Pferd hinter sich bergauf.

Die Szene erinnert mich an einen Franzosen, der in der Nähe von Lyon eine Art Reiterhof mit Landwirtschaft und Eseln betreibt, die man  als Reittiere für Kinder und Lasttiere für das Gepäck bei Wanderungen ausleihen kann. (Information auf Französisch: http://www.chambre-d-hote-fr.com/ps/accueil.htm  oder  http://www.buisantane.com/ ) Beim letzten Jakobsweg vor vier Jahren waren auch Pilger mit einem Esel unterwegs gewesen.

Im Ort Aztequa komme ich an einer Bar vorbei, wo viele Wanderer eingekehrt sind.

Kurz danach treffe ich E. vom Vortag wieder, sie ist zwar früher aufgebrochen, hat aber dann lange auf ihre heutigen Begleiter an der  „Weinquelle“ gewartet, denen der Wein gut geschmeckt hat. Nachdem sie mich einem Deutschen aus Bonn vorgestellt hat,  sprechen wir dritt wieder Englisch wie gestern,  weil sie außer Englisch und Irisch als Muttersprache nur etwas Französisch beherrscht.

Ich möchte im nächsten Ort richtig zu Mittag essen, erinnere mich an ein gutes Restaurant an der Landstraße, etwas abseits vom Wanderweg, aber mit einheimischen Gästen und gutem Menü.  E. und M., der Deutsche, haben gerade schon etwas gegessen und so trennen wir uns im nächsten Ort, in Villamayor.

Doch ich finde das Restaurant nicht wieder, vielleicht hat es wegen der neuen Autobahn seine Kundschaft verloren. Ich setze also meinen Weg auch fort, trotz der Warnung im Reiseführer, dass nun drei Stunden ohne Verpflegungsmöglichkeit  vor mir liegen.

Der Weg geht bergab, verläuft dann unterhalb eines steilen Hanges. Auf der anderen Talseite liegt die neue Autobahn auf einem Damm, aber auch heute ist kein Fahrlärm von dort zu hören. Es regnet immer noch. 

Nach kurzer Zeit sehe ich E. wieder, sie steht im Regen neben zwei anderen Frauen. Eine scheint auf dem Boden zu knien. Als ich näher komme, bemerke ich, dass ein Erdrutsch den Wanderweg auf 30 Metern hat verschwinden lassen. Die scheinbar kniende Frau hat wohl versucht, auf der Bergseite über die Erdmassen zu steigen. Es ist die kräftige ältere Französin mit den langen Beinen, die mich einige Stunden vorher überholt hatte. Jetzt steckt sie bis zu den Knien im Schlamm. E. und eine ältere Frau versuchen ihr zu helfen, aber der Lehmmatsch ist so klebrig, dass sie es nicht schaffen, sie herauszuziehen. Mit vereinten Kräften gelingt es E. und mir dann, nachdem wir selbst zuerst vorsichtig einen sicheren Standpunkt gesucht haben, damit uns nicht das Gleiche passiert. Die ältere Dame ist ganz glücklich, dass Hilfe gekommen ist. Ihre Kleidung ist von Schlamm bedeckt, aber das geht schon irgendwie wieder ab. Die andere ältere Frau, auch eine Französin, wird ihr dabei helfen.

E. Und ich machen uns nach einiger Zeit wieder auf den Weg. Zum Glück bestätigt sich meine Befürchtung nicht, dass die Autobahn durch das wunderschöne einsame Tal gelegt worden sein könnte, das uns jetzt 10 Kilometer weit begleitet. Wir sehen fast bis zum Ende niemanden, nur Weinberge und Felder im Tal, zwischen Wäldern auf den Hügelkuppen.

E. erinnert die Landschaft an einen riesigen Golfplatz. Schon immer ist diese Kulturlandschaft von Menschen bewohnt und umgeformt worden. Manchmal sind Ruinen als Zeugen früher Bewohner zu sehen. Bei einem dieser alten Gebäude steht ein Schild.  Unter anderem erwähnt es, dass hier früher drei Menhire gestanden haben, nach einer Legende entstanden sie aus einer Familie von Menschen, die durch die Umwandlung in Steine bestraft worden sei.

Kurz vor Los Arcos fährt ein junger Mann auf einem laut knatternden Geländemotorrad an uns vorbei. Wir haben das Gefühl, Glück gehabt zu haben, dass er uns nicht früher begegnet ist und wir so die einsame Landschaft ganz für uns allein hatten.

In Los Arcos habe ich ein Zimmer reserviert, E. will wieder zu einer Herberge. Ich begleite sie zum Stempeln meines Pilgerausweises, stelle aber fest, das er nicht mehr in meiner Hosentasche ist und fürchte, ihn verloren zu haben. Die Herberge wird von einem unglaublich freundlichen älteren Paar betreut. Ihr deutscher Akzent kommt mir Flämisch vor. Ja, sie sind wirklich aus Flandern und freuen sich, als ich ihnen erzähle, dass mein Sohn auch Flämisch sprechen kann und in Flandern lebt.

Sie sind sehr verständnisvoll und und als sie hören, dass ich im Hotel übernachte, sagen sie ungefragt, falls E. und ich morgen zusammen weiterwandern wollten, sollten wir daran denken, dass alle Herbergsgäste die Herberge vor acht Uhr verlassen müssten. 

Mein Hotel, das ich schon vom letzten Aufenthalt kenne, hat inzwischen kein eigenes Restaurant mehr, die Besitzerin sagt, die Saison sei jetzt zu kurz. Wohl eine Folge der Autobahn, die aber die positive Konsequenz für mich hat, dass ich nachts nicht mehr vom Verkehrslärm auf der Landstraße am Haus gestört werde.

Das Zimmer ist einfach eingerichtet, hat zwar keinen Haartrockner, dafür aber einen Balkon, wo ich meine Wäsche aufhängen kann. Und dieses Mal sind meine Stiefel auch nicht von innen nass geworden.

Und dann finde ich auch meinen Pilgerausweis wieder. Ich benötige ihn eigentlich nicht, da ich nicht in den Herbergen übernachte, aber die Stempel in alten Pilgerpässen sind später eine gute Gedankenstütze, um frühere Jakobswege zu rekonstruieren.

Vor dem Abendessen gehe ich durch den kleinen Ort. Die Kirche hat einen schönen gotischen Kreuzgang mit einem Garten voller Rosen.  In der Apotheke erstehe ich ein Wundgel und zwei Schuh-Einlagen für die Fersen.

Dann gehe ich auf die Suche nach einem Internet-Café. Die Herbergseltern hatten mit zwar angeboten, den Computer in der Herberge zu benutzen, aber die Gäste dort werden den sicher selbst gut gebrauchen können.  

Schließlich versuche ich es im Kulturzentrum – „Casa de Cultura“. In der BIbliothek stehen viele Computer, aber nur einer hat Internetanschluss. ich muss warten, bis ein Zehnjähriger seine Recherche für die Schulhausaufgaben abgeschlossen hat, dann habe ich noch eine halbe Stunde Zeit für meinen Blog. Zu wenig, aber immerhin.

Beim Warten treffe ich M. aus Uruguay wieder, der mir eine Ausstellung im Kulturhaus empfiehlt. Aber als ich mit dem Schreiben am PC fertig bin, ist es schon zu spät für eine Besichtigung. Andalusische Kunst, aus der Sammlung von Carmen Thyssen. Merkwürdig, warum ausgerechnet hier – an diesem abgeschiedenen Ort? Die Bibliothekarin erklärt mir, dass die Mutter der Baronin und Kunstsammlerin aus Los Arcos komme. Und deshalb zeigt sie ihre persönliche Sammlung nicht nur im neuen Anbau des Madrider Thyssen-Museums, sondern auch hier.

Und wie der Zufall so spielt,  rufe ich dann eine Freundin in Madrid an und sage ihr, dass ich heute in Los Arcos bin. „In Los Arcos? Da ist eine Kunstausstellung, an deren Katalog ich mitgearbeitet habe!“

Am Abend esse ich  allein in einem Landhaushotel, die Kellnerin und der Kellner, anscheinend Nord- oder Osteuropäer, sind sehr nett,  aber das Lokal ist leer, keine Einheimischen.

Dann treffe ich wieder auf E. aus Irland, M. aus Uruguay und eine Italienerin. Wir sprechen über die politische Situation in Italien, die Italienerin ist aus Mailand, lebt aber seit Jahren in Rom und fühlt sich jetzt da eher zu Hause.

Danach reden wir über die Ausstellung, M. erzählt begeistert von einigen Genre-Bildern. schade, dass ich die Ausstellung nicht gesehen habe.

Dann verabschieden wir uns. Leider werde ich die drei an den Tagen, die mir diesmal noch bleiben,  nicht wieder sehen.

Ich gehe früh zu Bett, denn ich möchte früh aufstehen.

Puente La Reina

Das Frühstück ist reichhaltig, viel Obstsalat. Dann ziehe ich stadtauswärts, überquere die berühmte alte Brücke, die der Stadt ihren Namen gegeben hat. An einem Gebäude am Ortsausgang mache ich ein Foto von einem Ornament an einer Hausmauer, das einem Hakenkreuz zu gleichen scheint oder eher einem Sonnenrad. 

Eine junge Frau überholt mich, die aus Irland kommt. Sie heißt E., wie eine Romanheldin aus dem 19. jahrhundert, ist seit St. Jean Pied de Port unterwegs. Von Beruf ist sie Krankenschwester, hat aber ihre Stelle gekündigt und will den Beruf wechseln. Sie hat jahrelang gespart und will zuerst den Jakobsweg abschließen, dann einen Monat durch Spanien reisen, anschließend ein halbes Jahr durch Südamerika, dann nach Neuseeland und Australien. Zu Haus sind sie neun Geschwister, für die jüngeren reichte das Geld zu einem längeren Universitäts-Studium nicht und für Stipendien lag das Einkommen über der Einkommensgrenze. Wir sprechen über das Europa-Referendum, das am nächsten Tag in Irland stattfindet und sie meint, dass die Iren zu lange um ihre nationale Unabhängigkeit gekämpft hätten, um jetzt so schnell viel Souveränität an Europa abzugeben. Ich erläutere ihr, wie der Europagedanke für uns als Deutsche nach dem Zweiten Weltkrieg ein willkommener Ausweg aus den Schwierigkeiten mit der eigenen Nationalität war und dass wir auch daran gewöhnt sind, mit mehreren nationalen Identitäten zu leben: zunächst die der Stadt oder der Region  und dann die des Bundeslandes, wenn es ein historisches Land ist, dann die des ganzen Staates.

Manchmal kommt zuerst die des Bundeslandes, wie zum Beispiel bei den Fernsehumfragen auf der Straße zum Thema „Wie finden Sie es, dass der deutsche Kardinal Ratzinger zum Papst gewählt worden ist?“ und in München die Leute  geantwortet haben: „Ich finde es wunderbar, dass jetzt ein Bayer Papst wird.“

In meinem Fall beginnt die Identität zuerst mal mit der als Kölner, mit der Erinnerung an lange politische Eigenständigkeit einer freien Reichsstadt mit eigener Verfassung, die vom Mittelalter bis zur französichen Revolution auch Selbstregierung erlaubte, nachdem die Bürger den vorher herrschenden Erzbischof aus der Stadt geworfen hatten. Dann kommt die regionale Identität als Rheinländer, die sich im 19. Jahrhundert auf die Liberalitität gegenüber preußischer Herrschaft beruft, die es auch einem Karl Marx erlaubte, in Köln als Journalist zu arbeiten.

Heute habe ich noch nicht das Gefühl, ein Nordrhein-Westfale zu sein, weil dieses Land doch zu sehr künstlich entstanden ist - aber bei bei jüngeren Menschen gibt es das vielleicht doch schon, mit identitätsstiftenden Institutionen wie dem regionalen Fernseh- und Rundfunksender WDR – wie das ganze Bundesland selbst auch eine Gründung der alliierten Besatzer nach dem Krieg.

Und dann kommt bei mir die Identität als Deutscher, die mir erst nach langem Leben im Ausland vertrauter wurde. Für meinen Sohn, der als Kind eines Deutschen und einer Spanierin,  aber nur mit deutscher Staatsangehörigkeit, in Spanien aufgewachsen ist und heute in Belgien lebt, ständig vier oder fünf Sprachen benutzt, steht dagegen eigentlich heute die Identität als Europäer an erster Stelle.

Wir sprechen weiter über Europa und ich erzähle ihr hier von dem Film, den die Engländer in meinem Geburtsjahr 1948 in Köln gedreht haben, um in England für Spenden zu werben. („A School in Cologne“). Sie bitten in England  um Spenden für das zerstörte Land, das ihr eigenes Land zuvor auch zerstört hatte, und für dessen Kinder, von denen  damals viele  bei schlechtem Wetter ohne Schuhe zur Schule gingen, wie der Film zeigt. (Man hat diesen Film vor kurzem wiederendeckt und man kann ihn im Internet anschauen, Englisch mit deutschen Untertiteln: http://www.koeln1.tv/stadtgeschichte/stadtgeschichte.html#

„A SchooL in Cologne“ 

Für mich ist dieser Film auch ein Beleg dafür, wie man auch auf der Seite der Sieger damals auf eine echte Aussöhnung mit den Feinden aus zwei Weltkriegen aus war, und das so kurze Zeit nach dem Krieg.

So eine Versöhnung mit früheren Feinden ist hier in Spanien immer noch umstritten, jedenfalls glaubt ein Teil der Gesellschaft noch heute, dass man etwa durch Nachforschungen über den Verbleib von Verschollenen der Unterlegenen im Bürgerkrieg nur alte Wunden wieder öffnet.

Unser Weg ist heute oft in sehr gutem Zustand, ganz im Gegensatz zum letzten Mal vor vier Jahren, als gerade hier im Verlauf des historischen Weges die Autobahn gebaut wurde. Mit den Baugeldern hat man auch mittelalterliche Brücken restauriert, wie Tafeln verkünden. An einer Stelle führt der Weg unter der Autobahn durch einen Röhrentunnel hindurch. Aber der Betontunnel ist aufwändig mit Bruchsteinmauerwerk verkleidet worden, ganz im mittelaterlichen Stil.  

Der Verkehrslärm von der Autobahn stört uns übrigens wenig, man hört und sieht fast kein Auto. War die Autobahn vielleicht vom Verkehrsaufkommen her ganz überflüssig?

Beim Mittagessen besteht E. darauf, ihr Essen selbst zu bezahlen. Später erzählt sie, dass sie den Jakobsweg und die schon fest geplanten folgenden Reisen auch macht, weil sie eine Bedenkzeit brauchte. Jemand hatte sie heiraten wollen. Sie war sich aber nicht sicher, ob sie so intensiv liebte, wie sie geliebt wurde, ob sie schon Kinder bekommen wollte, wie sie sagt. Mit ihrem Beruf war sie auch nicht zufrieden, fühlte sich als Krankenschwester nicht ausreichend geschätzt. Jetzt will sie ein Jahr lang überdenken, wie sie sich ihre Zukunft vorstellt.

Wir sind kurz vor Estella, doch es ziehen dunkle Wolken auf. Und dann kommt ein Gewitter mit einem Wolkenbruch, wie ich ihn selten auf freiem Feld erlebt habe. Lange bleibt das Gewitter mit Blitz und Donner fast direkt über uns, doch wir gehen weiter, denn neben uns ist meist eine Böschung, die höher ist als wir groß sind. Der Weg ist an vielen Stellen zum Bach geworden, aber wir kommen nach zwei Stunden in Estella an. E. gesteht mir, dass sie ziemlich viel Angst gehabt hat und froh war, nicht allein unterwegs zu sein. Ich bin erschöpft, sie bleibt in der ersten Herberge und ich gehe weiter durch den Regen zu der Pension, wo ich telefonisch ein Zimmer reserviert habe.

Ich verabschiede mich von E., denn sie wird wie alle Pilgerherbergsgäste das Haus vor acht Uhr verlassen müssen und ich komme nie so früh aus den Federn. Mir fällt auf, wie besorgt sie danach fragt, ob es mir auch gut geht, bevor ich dann weggehe. Sieht man mir meine Erschöpfung so sehr an? Dann führe ich die Besorgtheit auf ihren Beruf als Krankenschwester zurück oder auf die vielen Geschwister bei ihr zu Haus.

Die Pension liegt am Ortsausgang, „hinter der zweiten Tankstelle links“, wie man mir gesagt hat. Sie ist in einem Neubau in einer normalen Wohnung – später erfahre ich dann, in mehreren Wohnungen. Der Besitzer ist sehr freundlich und erklärt mir genau, wo ich ein Internet-Café finden kann. Ich bekomme auch eine Magnet-Karte, mit der ich Haustür, Wohnungstür und Zimmertür öffnen kann.

Das Zimmer ist einfach, hat aber einen tollen Haartrockner, den ich am nächsten Morgen auch brauchen werde, um meine Kleidung nach der Hand-Wäsche und vor allem die total durchnässten Wanderstiefel (trotz Gore-Tex…) wieder benutzbar zu machen.

Ich gehe ins Internetcafé, sitze am Computer neben den kleinen Kindern der südamerikanischen Angestellten, die auch bis 22.00 Uhr dort bleiben.

Dann gehe zum Abendessen in ein Fernfahrerlokal gegenüber der Pension. Ich bekomme noch ein Essen, obwohl es für diese Gegend schon spät ist, fast halb elf. Der Speiseraum ist leer, obgleich im Fernsehen ein Fußballspiel von Spanien läuft, was in Madrid die Lokale füllen würde.  Spanien scheint zu gewinnen. Eine Gruppe von Männern sitzt weit ab vom Fernseher, sie trinken viel, sprechen wenig, wirken irgendwie besorgt. Als ich das Lokal nach einem reichlichen und herzhaften Abendessen verlasse, höre ich Fetzen eines Handygesprächs, das ein junger Mann am Eingang führt. „Ja, das ist jetzt wirklich ernst, die haben heute bei uns 30 Leute auf die Straße gesetzt, wie soll das nur weiter gehen…“ Nun beginne ich die gedrückte Stimmung im Speisesaal zu verstehen und vermute, sie könnte etwas mit diesen Entlassungen zu tun haben. Ist die beginnende Wirtschaftsflaute in Spanien so plötzlich akut geworden?

Wie gut es doch ist, in solchen Zeiten einen sicheren Arbeitsplatz zu haben, denke ich auf dem Weg auf mein Zimmer.  

Weg zum Alto del Perdon

Das Frühstück war ausgezeichnet, alle gewaschenen Kleidungsstücke sind über Nacht trocken geworden, den Rest mache ich mit dem Haartrockner.

Dann gehe ich zum Bezahlen an die Rezeption. Auf der Rechnung steht „Apatrida“ -“Staatenloser“ -merkwürdig, ich hatte doch meine spanische Aufenthaltsgenehmigung gezeigt, auf der meine Staatsangehörigkeit mit „deutsch“ angegeben ist. Beim Hinausgehen beginne ich mich zu fragen, ob sie mich auf diese Weise im Computer vielleicht als Zigeuner kennzeichnen wollen, dem man besser in der Hotelkette kein Zimmer gibt. Viellecht hat es auch nur steuerliche Gründe für die Hotel-Firma. Aber Staatenloser und Zigeuner – irgendwie stimmt das ja auch, denke ich dann, zurzeit nur mit dem Nötigsten unterwegs, muss jeden Tag Hemd, Socken, Unterwäsche waschen, und das im Hotelbadezimmer. Und Staatenloser- na ja, eigentlich bin ich das fast, nach dreißig Jahren in Spanien, in Deutschland renten- und krankenversichert, aber Steuerzahler in Spanien, Wähler bei Bundestagswahlen in Deutschland und bei Europa- und Kommunalwahlen in Spanien- obwohl das aus unerfindlichen Gründen bei den letzten Wahlen dann doch nicht geklappt hat- nach Eintragung ins lokale Wählerverzeichnis war ich am Wahltag dann wieder daraus verschwunden…

Staatenloser sein – gar nicht ein so unsympathischer Status. Als junger Mann meiner Generation fühlte ich mich damals ja auch mehr als Kölner als als Deutscher, damals hatte man als Deutscher Schuldgefühle für das, was die Vätergeneration in der Nazizeit getan hatte. Und hier in Spanien gibt es schon übergenug Nationalisten jeder Couleur, für die Fahnen mehr als ein Stück Tuch sind und wo das Hissen der Nationalflagge am Rathausbalkon in einigen Regionen von vielen als Herausforderung verstanden wird, während sie anderswo, wie am Madrider Colon-Platz, dafür in besonders riesigem Format weht.

Durch eine menschenleere Neubausiedlung mit Schwimmbädern gelange ich wieder zum Jakobsweg, Richtung „Alto del Perdón“ „Anhöhe der Vergebung“. Heute morgen sind viele ältere Spaziergänger unterwegs, eine Frau fällt mir auf, die ihr Radio in den Ohrhörern so laut eingestellt hat, dass ich eine Zeit lang mithören kann. Sie überholt mich im Eilschritt, obwohl es bergauf geht und sie schon älter sein muss. Nach einer Stunde kommt sie mir dann entgegen, ich frage sie nach ihrem Alter- 73 – und sie macht das jeden Tag…

Beim Alto del Perdón stehen Windräder in einer langen Reihe auf dem Bergkamm, sie sind wohl aus einer früheren technischen Generation, denn sie laufen sehr schnell und machen dabei auch recht viel Lärm, was mich ein wenig deprimiert. 

Eine frühere Flugzeugbaufirma, Gamesa, aus dieser Region Navarra hat sich jetzt ganz auf Windenergie spezialisiert und ist inzwischen eine der größten Firmen weltweit. In Navarra  und dann in Spanien ist dieser Sektor sehr schnell gewachsen, weil sich die Elektrizitätsgesellschaften selbst daran beteiligt haben. In manchen Provinzen, aber auch in ganz Spanien erreicht der Windenergieanteil  für kurze Zeit schon über 50 Prozent!

Inzwischen bauen die erfolgreichen spanischen Stromerzeuger wie Iberdrola und Iberdrola Renovables  ihre Windparks weltweit, von Schottland bis China. Wie kurzsichtig im Vergleich dazu doch die deutschen Konzerne mit ihren Neubauten von Kohlekraftwerken erscheinen!

Spanien hat übrigens auch  für die Stabilisierung des Netzes – der Wind weht ja nicht immer, Mittel und Wege gefunden. Überschüssige elektrische Energie zu speichern ist für die spanischen Elekrizitätsversorger ein alter Hut, da sie zur Nutzung der nächtlichen Überschüssse der Atomkraftwerke auch schon Speichertalsperren genutzt haben. In diese Stauseen wird  das Wasser hochgepumpt, wenn zu viel Energie produziert wird. Dieses Wasser kann  dann in Spitzenverbrauchszeiten wieder zur Stromerzeugung genutzt werden.

Und am Anfang der Firmengeschichte zum Beispiel von Iberdrola stand übrigens die Wasserkraft – man hat also eine lange Erfahrung damit, zur Energieerzeugung etwas zu nutzen, was wenig laufende Kosten verursacht…

Das  landesweite Stromnetz gehört hier übrigens einer unabhängigen, früher staatlichen, jetzt privatisierten Firma, was sicher auch für den Zuwachs der erneuerbaren Energien wichtig ist.

(im Februar 2010 ergänzt): Man kann übrigens im Internet jederzeit in Echtzeit verfolgen, welchen Anteil die verschiedenen Energieträger an der Stromerzeugung in Spanien haben.

Dabei wird die Kernernengie rund um die Uhr genutzt, die Kohlekraftwerke ähnlich. Diese Energiearten können nicht auf Nachfragespitzen reagieren.

Zu den Hauptverbrauchszeiten werden neben den Windturbinen vor allem zusätzlich Gaskraftwerke und Wasserkraft aus den Speichertalsperren eingesetzt, die auch die Zeiten mit schwächerer Windproduktion überbrücken.

Der Anteil von Energie aus kleinen Bioenergiekraftwerken und aus Müllverbrennung ist auch schon erstaunlich hoch.

Spanien hat den Vorteil, dass die Wetterlage in den verschiedenen Windregionen oft unterschiedlich ist – wie in der Geographie ist Spanien auch meteorologisch wie ein kleiner Kontinent, mit ganz unterschiedlichen Klimazonen. Wenn der Wind in einer Region nicht weht, dann halt in einer anderen. Es gibt allerdings auch Jahreszeiten mit weniger Wind.

In Zukunft werden die windarmen Zeiten, vor allem  tagsüber im Hochsommer, aber durch die neuen solarthermischen Kraftwerke in Südspanien zunehmend ausgeglichen, von denen im letzten Jahr schon die ersten an Netz gegangen sind.

Am Bau solcher Solarkraftwerke in Spanien beteiligen sich nun auch deutsche Stromerzeuger wie die Stadtwerke München und EON. Diese solarthermischen Kraftwerke funktionieren übrigens nicht nur, wenn die Sonne scheint, sondern durch Energiespeicherung in Salz auch noch viele Stunden nach Sonnenuntergang.

Mehr zur Solar-Technologie auf der Webseite von Abengoa, einem der weltweit führenden Erbauer von Solarthermischen Kraftwerken.

Abengoa Solar

Webseite des Netzbetreibers: http://www.ree.es/

Energienachfrage in Spanien in Echtzeit

Stromerzeugung in Spanien in Echtzeit

Windenergieerzeugung in Spanien in Echtzeit

Prozentsatz der genutzten Windenergiekapazität und Anteil an der Gesamtstromproduktion  in Spanien

Doch nun weiter auf dem Jakobsweg:

Oben angekommen, bleibe ich trotz des starken Windes einen Moment stehen, nicht wegen der etwas unschönen Eisenfiguren eines Pilger-Denkmals, sondern um den zwei Geiern zuzusehen, die im Aufwind zu spieln scheinen. Da steigen ein älterer Mann und ein Junge aus einem Auto, haben zwei Flugzeugmodelle mit der gleichen Form wie die der Geier bei sich und Fernbedienungen. Und sie schaffen es tatsächlich, den Geierflug nachzuahmen, die Modelle kreuzen sich in einem Affentempo, unglaublich!

Schließlich reiße ich mich dann doch los, beginne den steilen Abstieg auf einer Steinpiste, werde dabei von Mountainbike-Pilgern überholt, die mit halsbrecherischer Geschwindigkeit ohne Rücksicht auf irgendwelche Risiken für Kopf und Kragen über den Schotter hinunterrasen.

Ich lasse es etwas langsamer angehen, habe nach den Erfahrungen beim ersten Jakobsweg vom Abstieg von El Acebo nach Ponferrada, bei dem mehrere Zehennägel blau wurden, etwas Angst um meine Füße. Die Vegetation ist südlich von der Anhöhe plötzlich auch mediterraner geworden, Steineichen (Quercus petrea) statt der Buchen auf der Nordseite. 

Irgendwann holt mich ein junger Mann ein. Er ist Uruguayer, ist vor einigen Jahren nach Spanien gekommen und hat gerade sein Jurastudium abgeschlossen und schon erste Erfahrungen in einer Anwaltskanzlei gesammelt. In einigen Wochen will er einen Englischkurs im Ausland besuchen, für den er ein Stipendium bekommen hat. Er war auch ein Jahr als Erasmusstudent in Brüssel und spricht auch Französisch.

Von seinem Studium hat er noch viele Namen deutscher Juristen im Kopf.  Ich erzähle ihm von meinen Erfahrungen vor vielen Jahren als Deutschlehrer für spanische Juristen, die schnell deutsche Texte lesen lernen wollten und das auch oft erstaunlich schnell schafften, weil sie die geringen Deutschkenntnisse durch gute juristische Kenntnissse ausgleichen konnten und manchmal nicht nur bei zwei bekannten Begriffen den dritten errieten, sondern sogar bei nur einem bekannten Begriff die beiden anderen vorhersagen konnten. 

Wir sprechen auch über die „furchtbaren Juristen“, die eine nicht so einwandfreie Vergangenheit aus der Nazizeit hatten, von denen aber Anfang der Siebziger Jahre einige noch in Deutschland Universitätsprofessoren waren.

Aus spanischer Sicht wurde damals die deutsche Rechtswelt ganz anders gesehen. In der Anfangszeit der Demokratie war das deutsche Verfassungsrecht oft ein Vorbild in Spanien, deshalb waren besonders viele Verfassungsrechtler an Deutsch interessiert. Die spanischen Verfassungsrichter  ließen sich jede Woche eine Sammlung der Artikel zum deutschen Verfassungsgericht aus deutschen Zeitungen zusammenstellen.

M. fragt mich, ob ich den Jakobsweg mache, weil ich religiös bin. Er selbst kommt aus einer sehr katholischen Familie, kann aber nicht glauben, wie er sagt. Ich erzähle ihm aus den Siebziger Jahren, als in der Kölner Kirchenzeitung der chilenische Diktator Pinochet nach dem blutigen Militärputsch unterstützt wurde und das für mich die Glaubwürdigkeit der Amtskirche doch sehr ins Wanken gebracht hatte.

M. war  in Berlin von  den Mauerresten und den Mahnmalen für die Maueropfer beeindruckt worden, will wissen , wie wir mit der Erinnerungen an die Verbrechen der Nazizeit und des kommunistischen Regimes leben und ob wir sie verarbeitet haben. Er selbst kommt aus einem Land, das auch unter einer Diktatur gelebt hat.

Inzwischen sind wir beide hungrig geworden, lassen ein Restaurant im ersten Ort links liegen, weil dort keine Einheimischen zu sehen sind und finden dann im zweiten Ort eins, wo fast alle Gäste Arbeitsanzüge tragen. Das Essen ist sehr gut, ich habe als zweiten Gang Fisch, eine vorzügliche Dorade mit Scheibenkartoffeln, das Menü mit Getränk kostet 9 Euro.

Dann biegen wir vom direkten Weg nach Puente la Reina ab, M. will nach Eunate, einer einsam gelegenen romanischen Kirche, die vom Templerorden gebaut worden sein soll. Die Kirche ist klein, achteckig nach Art der Grabeskirche, leise Musik und wenig Licht schaffen eine Atmosphäre, die zur Meditation einlädt. Auf dem Bogen sitzt ein Pilger in Yoga-Haltung, ist lange Zeit ganz versunken und bewegungslos. Ich will ihn nicht stören, mache innen keine Fotos.

Neben der Kirche ist eine kleine Pilgerherberge, M. will dort bleiben und verabschiedet sich von mir sehr überschwänglich, als wären wir trotz der so kurzen Zeit, die wir gemeinsam verbracht haben, schon alte Freunde, die sich nun nicht wiedersehen werden. Auf dem Jakobsweg kommt man sich eben oft in kurzer Zeit näher als sonst oft in Jahren der Bekanntschaft.

Ich wandere allein weiter, komme durch die Felder nach Obames, einen kleinen Ort auf einer Anhöhe mit einer großen neoromanschen Kirche und mit vielen perfekt und teuer restaurierten alten Häusern, an denen überall Protesttransparente auf Spanisch und Baskisch hängen. Die Bewohner sagen „Nein“ zu irgendetwas, ich erkenne aber nicht, wozu. Ein Passant erklärt mir dann, dass im nahezu noch idyllischen Tal von der Regionalregierung eine „Ciudad de la Carne“ – Stadt des Fleisches“ geplant sei, eine riesige Schlachthofanlage. Ich verstehe ihren Protest, so einen Nachbarn mit Abfällen, Abwasser und Gestank will niemand gern in seiner Nähe haben. Und warum ausgerechnet in einer solch schönen Landschaft?

Einige Zeit später komme ich dann nach Puente la Reina. Auch hier ist seit meinem vorigen Jakobsweg viel restauriert worden, so auch das jahrhundertealte Gebäude des Landhaushotels an der Hauptstraße „Calle Mayor“, die jetzt Fußgängerzone geworden ist.

Vor dem Abendessen habe ich im Pilgergeschäft nebenan noch schnell einen größeren Rucksack erstanden und dort auch eine Stunde im Internet verbringen können, bevor geschlossen wird. Der freundliche Besitzer ist Argentinier und hat wie alle Geschäftsleute am Jakobsweg viel Verständnis für die Leiden und Wünsche der Pilger und weiß für alles eine Lösung.

Mein Zimmer ist zwar winzig, ich muss mich regelrecht winden, um neben der Toilette in die Dusche zu kommen, die Wasserhähne sind vergoldet, nicht gerade geschmackvoll.  Das Hotelrestaurant ist in einem restaurierten mittelalterlichen Kellergewölbe, an jedem Tisch sitzen Leute anderer Nationalität, aber die elegante Einrichtung wirkt förmlich und macht alle etwas steif. Ich sitze allein am Tisch, wie in  Restaurants in Spanien üblich, man darf sich nicht zu Unbekannten setzen. Nach dem Essen werfe ich einen Blick auf das Fußballspiel, dem eine Gruppe von distiguierten älteren Herren aus England folgt. Ich bleibe einen Moment sitzen und höre den Kommentaren der Engländer zu, die viel vom sprichwörtlichen englischen Humor mitgebracht haben.

Draußen regnet es, ich bleibe an der Hoteltür stehen und spreche mit einer Frau, die eine Zigarette raucht. Sie ist aus Ponferrada, einer Stadt am Jakobsweg und will nun mit ihren zwei Freundinnen auch diesen Teil des Wegs kennen lernen, dieses Mal bis Santo Domingo de la Calzada.

Aber es ist spät, ihre Freundinnen rufen sie und ich gehe auch rein und werde nach dem guten Abendessen sehr gut schlafen. 

 

In der Nacht höre ich manchmal die Kuhglocken, aber das stört mich nicht  weiter.

Um acht gibt es Frühstück, beim Bezahlen erzählt mir der Wirt noch, dass letzte Woche das deutsche Fernsehen da gewesen sei. Und auch (der Bestsellerautor und Fernsehkomiker) Hape Kerkeling sei bei ihnen vorbeigekommen, er habe einen geschwollenen Knöchel gehabt und einen Eisbeutel gegen die Schwellung  bekommen. Zum Dank habe er ihnen später eine Postkarte geschickt und dann auch ein signiertes Exemplar seines (Bestseller-)Buches über seinen Jakobsweg.

Ich verzichte aber darauf, es anzusehen und mache mich auf den Weg.     Meist geht es auf schmalen Wegen am Fluss entlang, an einer Stelle, wo der Weg hinter einer Hecke parallel zu einem breiten Radweg verläuft, wähle ich den Radweg.

An einer Hinweistafel studiert ein Radfahrer das Wegesystem am Fluss entlang, das 33 km Flusspark durchzieht. Er rät mir, auf diesem Weg am Fluss entlang nach Pamplona zu gehen, es sei zwar länger, aber ich brauche nicht die Steigungen vom Jakobsweg zu überwinden, der die Flussmeander abkürzt.

Er fährt eine Weile lngsam neben mir her. Wir sprechen dann über den Wandel, den Spanien in den letzten dreißig Jahren erfahren hat, eigentlich hätten den eher seine Eltern miterlebt, aber er könne sich das auch gut vorstellen, dass es einen überraschen müsse, wie sich alles geändert habe.

Er ist fünfzig und hat eine siebenjährige Tochter, wenn sie alt genug ist, will er mit ihr auch einmal den Jakobsweg machen.

Dann fährt er weiter, mir kommen inzwischen immer mehr Sonntagsspaziergänger entgegen, auch viele Radfahrer mit kleinen Kindern, Pamplona scheint wirklich Lebensqualität zu haben.

Irgenwann frage ich eine Frau um die Fünfzig nach dem Weg, sie ist recht rundlich, geht aber wesentlich schneller als ich, bleibt jedoch dauernd stehen, um Bekannte zu begrüßen. Anscheinend kennt sie die ganze Stadt. Ich höre, dass sie mit den Leuten Baskisch spricht, aber frage sie auf Spanisch. Sie ist sehr freundlich, erklärt sich gleich bereit, mich den ganzen Weg nach Pamplona zu begleiten, denn sie wolle auch dorhin. Sie arbeitet an einer Ikastola, wie sie mir dann erklärt, das ist eine der aus privater Initiative entstandenen Schulen, wo man schon auf Baskisch unterrichtete, bevor es an den staatlichen Schulen eingeführt wurde. 

Sie selbst hat in Granada studiert und ist dann nach Pamplona zurückgekommen und hat Baskisch erst als Erwachsene gelernt, aber so Arbeit gefunden. Die Leute, die sie weiterhin ständig begrüßt, sind meist Schülereltern oder manchmal auch Kolleginnen, denen sie auf Baskisch zu erläutern scheint, wer dieser seltsame deutsche Begleiter mit Rucksack und Wanderstöcken ist. Unglaublich, wie viele Leute sie kennt, anscheinend haben die Eltern an diesen Schulen viel Kontakt zu den Lehrern.

Der Weg verlässt bisweilen das Flussufer, führt durch kleine Parks, in einem wird sogar gerade gegrillt – wie in Deutschland! Überall sind archtitektonisch schöne öffentliche Gebäude, Schulen, Schwimmbäder und Ähnliches zu sehen, man merkt den Reichtum dieser Region. Das Prokopfeinkommen liegt über dem europäischen Durchschnitt und nicht nur die gut  gebauten privaten Wohnhäuser zeigen das.

Meine Begleiterin geht diesen weiten Weg jeden Sonntag hin und zurück, und sie ist wirklich in Form! Sie erzählt mir von Neffen und Nichten, die Englisch und Französisch sprechen und Erasmus im Ausland machen, anscheinend hat sich das Baskisch als Erstsprache in der Schule als nicht hinderlich für das Erlernen anderer Sprachen erwiesen, sondern dieses eher gefördert, wie sie meint. Leider spricht aber niemand in der Familie Deutsch.

Dann kommen wir durch eine Zone mit kleinen und größeren Gärten, wo Gemüse angebaut wird. An einigen Stellen sind auch Gartenbaubetriebe, die an den Verbraucher verkaufen, wir sehen Schlangen an den Gewächshäusern und dann Leute mit Gemüsetüten auf dem Weg in die Stadt. Auch ein guter Grund für einen Sonntagsspaziergang!

Meine Begleiterin fragt mich nach meinen Plänen für den Tag. Ich habe vor, zur Kathedrale zu gehen und dann in der Altstadt zu essen. Sie  entschuldigt sich dafür, mich nicht nach Haus zum Mittagessen einladen zu können, weil sie heute draußen essen wolle.

Festung in PamplonaAn einer Kreuzung zur Altstadt verabschiede ich mich dann, gehe einen Moment in die fast total dunkle Kathedrale, mit der Ausnahme einer Kapelle, wo gerade eine Taufe stattfindet.

Dann suche ich ein Restaurant, finde eins mit einer tollen Speisekarte an der Plaza Castillo, aber ein Besuch auf der Toilette bringt mich angesichts der Hygiene und kaputten Armaturen dann schnell davon ab, dort zu speisen.

Schließlich finde ich eine Bar mit einem fast genauso guten Menü in einer Fußgängerstraße und esse ein köstliches Mittagessen, umgeben von Kinderwagen, die niemanden stören, obwohl die Kellner und Gäste es schwer haben, an die Tische zu kommen.

Plötzlich wird der Fernseher angemacht und als erstes dröhnt die spanische Nationalhymne durch das Lokal, bevor jemand den Ton leiser stellen kann.  Die Köpfe drehen sich, sicher sind auch viele Navarrer und Basken im Restaurant, für die diese Hymne des bei vielen fast verhassten Zentralstaats nicht gerade die Lieblingmelodie ist. Aber niemand protestiert: Ein beliebter junger spanischer Tennispieler spielt gegen einen Ausländer!

Nach dem Essen mache ich mich auf den Weg zum Hotel, es liegt in Zizur Mayor, nur 15 Minuten vom Jakobsweg entfernt, eine Stunde außerhalb von Pamplona, hat viele Sterne, aber heute Sonntagstarif und kostet damit weniger als die Zweisternehotels in der Stadt.Weg nach Zizur Menor

Vorher lasse ich mir in der Herberge von Zizur dann noch den Pilgerpass stempeln und bedaure es, das Hotelzimmer schon reserviert zu haben. Garten Herberge in Zizur Menor

Im idylischen Garten der Herberge hocken mehrere Pilger meiner Generation am Gartenteich, füttern die Schildkröten, die dort friedlich mit Goldfischen zusammenzuleben  scheinen. Schildkröten und Goldfische

Man hört gleichzeitig vier Sprachen, die Leute sind nett, aber ich gehe dann doch weiter Richtung Hotel, was mir auch körperlich schwer fällt, denn der Tag war lang. Im Hotel schaut man mich etwas skeptisch an, nicht jeden Tag kommt da wohl ein müder Pilger vorbei. Internet kostet 6,50 € pro Stunde, das ist mir dann doch zu viel, ich gehe früh ins Bett, nachdem ich noch gewaschen habe- es gibt einen Haartrockner- morgen wird also alles trocken sein!

Und das war es für heute!

Die Kinder waren auf dem Flur noch bis halb eins zu hören, dann bin ich eingeschlafen. Heute morgen hat mich das Licht durch mein Mansardenfenster um Viertel nach sieben geweckt, jetzt warte ich gerade auf das Frühstück und nutze die Zeit zum Schreiben. Draussen regnet es leicht, aber über dem Nebel der Wiesen schaut an einigen Stellen auch schon blauer Himmel hervor. Was für ein Unterschied zur Hitze vor einigen Jahren auf dieser Etappe, damals eine Woche später! Ich freue mich schon auf den Weg, habe aber auch ein bisschen Furcht vor den Fussbeschwerden, die mich als Untrainierten wahrscheinlich heute erwarten. Aber es wird schon gehen, es muss!

Jetzt will ich aber runter zum Frühstück, der Duft von Toastbrot steigt mir zu verführerisch in die Nase, ich habe Hunger!

Bis bald!

Heute, am Montag, habe ich endlich wieder eine Internetzugang gefunden und kann über den zweiten Tag weiterberichten.

Als ich mit dem Frühstück fertig bin – leider kein Obst und kein Joghurt- mache ich mich auf den Weg. Ich habe die Regenhose aus Gummi übergezogen und den Regencape umgehängt. Es regnet in Strömen. Ich gehe auf der Strasse weiter, werde ab zu von den vorbeifahrenden Autos nassgespritzt, aber nass bin ich ja schon von oben… es macht also nichts. Die Abzweigung rechts in den Wald muss ich wohl übersehen haben, will erst zurück, setze meinen Weg dann aber doch auf der Landstrasse fort. Einige Radfahrer- Jakobswegpilger, aber auch Rennfahrer kommen vorbei, trotz des Wetters.

Ein Mann sagt mir, ich soll ruhig auf der Strasse weitergehen, so komme ich nach Espinal und da sehe ich die gelben Pfeile, die nach links ins Gelände weisen. Und da sind auch Scharen von Leuten unterwegs, meist über 60, ohne Gepäck- die Glücklichen, und alle sprechen Französisch. Der Weg ist zuerst wirklich schön, so viel Grün links und rechts, aber dann geht es los. Wir versinken im Schlamm, Hilfe! An einem Acker entlang rutschen wir, treten manchmal bis zum Knöchel in die weiche, braune, glitschige Masse, jemand hat schon aus Verzweiflung die Sportschuhe ausgezogen und auf einem Baumstumpf abgelegt und zurückgelassen… Der Regen wird sie mit der Zeit schon waschen… Vor mir fällt eine der älteren Damen- klar denke ich, sie hat ja auch nur einen Wanderstock und ich habe zwei, aber der Anflug von Überlegenheitsgefühl  wird gleich bestraft, an einem steileren Stück komme ich selbst ins Gleiten und dann Platsch! Schon ist es passiert, ich liege längs in der Brühe, gut dass die Regenhose mich schützt, aber der Ärmel der Windjacke, der Rucksack, meine Hände, der Regencape, alles ist von der klebrigen Masse bedeckt, die ich nur mit Mühe wenigstens an einem Baum von den Händen reiben kann, um die Stöcke wieder nehmen zu können. Mein Gott, wie soll das heute nur weiter gehen, ich habe doch erst wenige Kilometer hinter mir…

Aber es geht weiter. Hinter einem kleinen Pass wird der Weg steiniger, aber Schlammzonen sind nur noch ab und zu zu durchqueren. Ich denke an Xavier Naidoo und das Lied, das ich gerade mit den Deutschlernern im Unterricht gesungen habe, „ …dieser Weg wird ein weiter sein, steinig und schwer…“ und wie ein Ohrwurm geht es mir eine Stunde lang nicht mehr aus dem Kopf.

Videos: http://video.google.de/videosearch?q=Dieser+Weg+-+Xavier+Naidoo&hl=de&sitesearch=#

Liedtext: http://www.clip2go.com/deutsch-spanisch/wl_Dieser+Weg+-+Xavier+Naidoo_372_0.htm)

In einem Ort raste ich am Frontón, der überdacht ist, drei Jungen stehen da, zwischen 6 und 10, sie sprechen Baskisch und nehmen keine Notiz von mir, der doch in nur 2 Metern Entfernung neben ihnen auf der Mauer sitzt. Und ich verstehe kein Wort.

Dann weiter bergauf bis zum Pass von Erro, dann lange bergab, zwei Stunden kein Haus, außer einer verlassenen Schenke und Herberge, einer „Venta“, die schon fast eingestürzt ist. Dann unten im Tal über eine alte Brücke, der Weg geht eigentlich diesseits der Brücke weiter, aber es gibt keinen Hinweis darauf. Hinter der Brücke ein Dorf, Zubiri, das ganz ausgestorben zu sein scheint, fast niemand auf der Strasse.

In der einzigen offenen Bar gibt es auch ein Mittagsmenü, aber der leicht angetrunkene Wirt sagt mir, es sei zu spät, 15.30 Uhr gebe es kein warmes Essen mehr, hier am Camino hätten sie die französischen Essenszeiten. Schliesslich bekomme ich dann doch noch eine Ensaladilla Rusa und ein Brötchen mit einem Omelette- die anderen Gäste werden aber weiterbedient und sind erst beim Hauptgericht, wie ich dann sehe. Im Ort gab es kein anderes Lokal, wie ich vorher gesehen hatte. Ich bin sauer und nehme mir vor, hier nicht zu übernachten, denn die Aussicht, da auch zu Abend essen zu müssen, begeistert mich wenig. 

Ich gehe also wieder zurück über die alte Brücke, die wirklich sehenwert ist. Am nächsten Tag gibt es einen Artikel im Diario de Navarra, der einen Besuch dieser Brücke empfiehlt. Sie heisst „Puente de la Rabia“: „Brücke der (Toll-)Wut“… Vorher hiess sie „Puente del Paraiso“, wie die Zeitung schreibt, aber das ist lange her…

Ich gehe also weiter, lange Zeit an einer riesigen Industrieanlage vorbei, die auch am Samstagnachmittag in Betrieb ist und deren Lärm auch noch einen Kilometer flussab zu hören ist. 

Aber an der  nächsten Brücke über den Fluss, diesmal nach Larrasoaña, steht die Telefonnummer von einem Hotel, sie haben auch noch ein Zimmer, es ist ein großes altes Haus, das man restauriert hat, wobei die alten Balken erhalten blieben. Und es ist so idyllisch gelegen, dass man den Eindruck von vorher, wieder im 21. Jahrhundert angekommen zu sein, schnell wieder vergisst. Überall hat man einen weiten Blick auf ein grünes Flusstal und man hört Kuhglocken statt Industrielärm.

Ich bin der erste Gast, der ankommt, aber andere haben schon ihre Koffer vorausgeschickt, die an der Treppe auf sie warten, und ich ergreife die Flucht, um mit den echten Pilgern im Dorf zu Abend zu essen.

In der ersten Kneipe hinter der Brücke sind schon alle Tische besetzt, aber der Wirt setzt mich mit zwei Franzosen zusammen an einen großen Tisch. Der eine ist ein junger stämmiger Mann, der gerade seinen Taxiführerschein in Bayona gemacht hat, der andere sagt ein halbe Stunde lang gar nichts.

Dann wird ein Paar aus Bayern zu uns gesetzt. Sie sind um die fünfzig und auch zu Fuß unterwegs, haben die Absicht, bis nach Santiago zu laufen und in Pilgerherbergen zu übernachten, obwohl sie nicht den Eindruck machen, das finanziell nötig zu haben.

Dann gehen die Franzosen und noch eine Gruppe von Bayern kommt, die mit dem Rad von Toulouse gekommen sind und in privaten Herbergen und Pensionen unterkommen wollen. Manchmal kann ich dem Gespräch der Bayern jetzt kaum folgen, ich hätte doch mal Bayerisch lernen sollen! Nach dem Abendessen gehe ich noch durch das Dorf, dessen Straßen, wie in den anderen Camino-Dörfern auch, gerade zu Fußgängerzonen  im historisierenden Stil umgebaut werden, mit einer Abflussrinne in der Mitte.

Aber es gibt nirgendwo einen Weg ins Internet, außer in einer privaten Herberge, aber der Computer dort ist für die Gäste reserviert.

In meinem Hotel gibt es eine Wi-fi-Zone, aber ohne eigenen Laptop ist nichts zu machen… Der Blog muss  warten.

Vor dem Einschlafen sehe ich noch die Bildbände von Navarra an, die im sehr schönen Aufenthaltsraum ausliegen und nehme mir vor, irgendwann einmal den Wald von Irati zu besuchen.

 

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